Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung". - © WZ
Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung". - © WZ

115 Seelen. Menschen, die bei der Geburtslotterie nicht das große Los gezogen hatten, so wie die meisten Österreicherinnen und Österreicher. 115 Mütter, Väter, Brüder, Schwestern, Söhne oder Töchter. Das sind die Opfer der bislang schwersten Schiffskatastrophe dieses Jahres, die sich vor der vor der libyschen Küste im Mittelmeer ereignet hat.

87 Geflüchtete sind nach Libyen zurückgebracht worden, 84 ins Internierungslager Tadschura, das erst vor Kurzem bei einem Luftangriff getroffen worden war (mehr als 50 Menschen kamen dabei ums Leben). 140 gerettete Schiffbrüchige will Italiens Innenminister Matteo Salvini erst von Bord eines Schiffes der eigenen Küstenwache an Land lassen, sobald die Verteilung auf andere europäische Länder fixiert wurde.

Die UN-Vertreter sind geschockt. UNO-Flüchtlingshochkommissar Filippo Grandi richtet über den Kurznachrichtendienst Twitter einen verzweifelten Appell an die europäischen Eliten: Man müsse "jetzt mehr sichere Pfade aus Libyen schaffen, bevor es noch für viele weitere verzweifelte Menschen zu spät sein wird". Auch UNO-Generalsekretär Antonio Guterres fordert "sichere, legale Routen für Migranten und Flüchtlinge. Jeder Migrant, der nach einem besseren Leben sucht, verdient Sicherheit und Würde."

Und Organisationen der Vereinten Nationen fordern dazu auf, die Seenotrettung dort wieder aufzunehmen. Doch die EU hat sich nach dem Ende der Mission "Sophia" noch immer nicht auf eine Übergangslösung geeinigt und Italien droht Seenotrettern künftig mit Strafen von bis zu einer Million Euro (und der Konfiszierung des Rettungsschiffes), wenn sie mit ihren Schiffen unerlaubt in italienische Hoheitsgewässer fahren.

Die Empathiedefizite einiger europäischer Politiker sind erschreckend - denn die Frage, ob Menschen in Seenot geholfen werden muss, verbietet sich. Ja, was denn sonst? Und das Problem-Outsourcing an Libyen ist eine Schande für Europa.

Doch die Chancen, dass Europa zu einer Lösung kommt, stehen schlecht.

Denn die EU müsste für bessere legale Wege zur Einwanderung sorgen, die Verteilung von Geflüchteten regeln, die es bis zu Europas Küsten schaffen, und den Herkunftsländern der Geflüchteten politisch und wirtschaftlich unter die Arme greifen.

All das wird im Zeichen der Klimakrise und des dramatischen Bevölkerungswachstums in Afrika alles andere als einfach - Experten prophezeien eine weitere Eskalation von Konflikten um Wasser und landwirtschaftliche Nutzflächen.

Mit Solidarität statt Abschottung, gemeinsamen Lösungen statt Florianiprinzip könnte es klappen. Und mit dem Verständnis, dass es um Menschen und nicht bloß um Zahlen geht.