Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung". - © WZ
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Währungskurse gelten bei Devisenhändlern als Gradmesser für die Gesundheit einer Volkswirtschaft. Sinkt der Ölpreis, dann sinkt meist auch die Währung von Nationen, deren wichtigste Einnahmequelle Ölexporte sind. Eine Währung fällt auch, wenn die Produktivität des betreffenden Landes im Vergleich zu anderen Ländern sinkt oder das Vertrauen der Anleger in eine bestimmte Volkswirtschaft abnimmt. Sieht man sich den Pfund-Kurs in diesen Tagen an, dann sieht es für Großbritannien nicht gut aus. Den Marktteilnehmern dämmert nun langsam, dass unter einem Premierminister Boris Johnson ein harter Brexit sehr wahrscheinlich geworden ist.

Johnson hofft, die EU mit dieser Aussicht erpressen zu können: Dabei war es die konservative Regierung unter Premierministerin Theresa May, die den Austrittsvertrag mit Brüssel ausgehandelt hat. Warum sollte dieser nun nichtig sein, nur weil ein neuer Premierminister in der Downing Street 10 eingezogen ist? Und warum sollte die EU Johnson Zugeständnisse machen, die sie May verwehrt hat? Wobei: Ein paar kosmetische Veränderungen sind wohl vernünftig, damit Johnson den Schwarzen Peter für die Brexit-Folgen nicht einer "unnachgiebigen" und "sturen" EU zuschieben kann.

Natürlich würde ein harter Brexit die europäische Wirtschaft ins Mark treffen. Viele EU-Staaten erwirtschafteten bisher Handelsbilanzüberschüsse mit dem Vereinigten Königreich, viele europäische Bürger leben und arbeiten zwischen den Shetlandinseln und Dover.

Aber im Falle eines harten, unfreundlichen Brexit hat die EU die viel besseren Karten. Viele international tätigen Unternehmen (etwa Autobauer aus Asien), aber auch Finanzdienstleistungskonzerne, Consultingunternehmen oder Pharma- und Lebensmittelgiganten werden bei einem harten Brexit gezwungen sein, weite Teile ihres Geschäfts und damit ihrer Jobs in die EU zu verlagern.

Die Tatsache, dass "Brexit-Boris" mit dem EU-Austritt die Einheit des Vereinigten Königreichs riskiert, stärkt seine Position ebenfalls nicht gerade.

Nach dem Brexit ergibt eine Eingliederung Nordirlands in die Republik Irland für die Nordiren (unter Wahrung weitreichender Souveränitätsrechte) mehr Sinn als der Verbleib im Vereinigten Königreich. Schottlands Unabhängigkeitsbestrebungen wurden durch die Kür Johnsons zum neuen Premier durch rund 150.000 konservative Parteimitglieder ebenfalls neu entfacht.

Mit einem harten Brexit riskiert Großbritannien die Selbstverstümmelung zu "Little England". Und da wollen die Schotten eben nicht dabei sein.

Premierminister Johnson hat also bei seinem Brexit-Poker denkbar schlechte Karten.