Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung". - © WZ
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Vor dem Einsturz der "Ponte Morandi" in Genua, die das Polcevera-Tal überspannt hat, war schon seit Jahren gewarnt worden.

Am 14. August 2018, dem Tag vor Ferragosto, um exakt 11:36 Uhr, löste sich ein rund 240 Meter langer Brückenteil und krachte in die Tiefe. In Certosa, dem Viertel unter der Brücke, ist seit diesem Tag und dieser Minute nichts mehr wie es war.

Am Mittwoch wird in Genua dem ersten Jahrestag der Brückenkatastrophe gedacht. Die Erinnerungen in der Geburtsstadt von Christoph Kolumbus an den Tag, an dem die Brücke im Sommerregen einstürzte und 43 Menschen in den Tod riss, werden wieder wach.

Und die Erinnerung daran, dass der Genueser Kopf der Movimento Cinque Stelle (M5S), Beppe Grillo sich jahrelang gegen die Brückenrenovierung gestemmt hatte. Es sei ein "Märchen", wenn dauernd vor dem bevorstehenden Kollaps der Morandi-Brücke geunkt werde, hieß es auf der Website der Fünf-Sterne-bewegung. Der Text wurde nach dem Brückeneinsturz heimlich, still und leise von der Website der Partei entfernt.

Italiens Innenminister Matteo Salvini machte vor einem Jahr gar die Austeritätspolitik der EU für das Unglück verantwortlich. Ein absurder Vorwurf, denn die Brüsseler Kommission empfahl Rom immer wieder gezielte Investitionen in die marode Infrastruktur. Und so ist der Einsturz der Morandi-Brücke ein Symbol für den Niedergang Italiens. Schon 1984 war in der "Zeit" ein Artikel erschienen, in dem Italien vor dem Abstieg in die zweite Liga gewarnt wurde.

Genau das ist eingetreten: Fiat und Olivetti gehören längst nicht mehr zur Weltspitze und das größte Unternehmen des Landes, der Konzern Eni steht mit seinen Produkten Öl & Gas nicht gerade für Zukunftstauglichkeit.

In der Politik wurde dieser Niedergang Italiens für die Bürger spätestens in den 90er Jahren spürbar: Damals zerbröselten die beiden Parteien Democrazia Cristiana und die Partito Socialista Italiano nach einer Serie von Korruptionsskandalen, die auch in der Amtszeit von Silvio Berlusconi nicht abriss. 66 Regierungen hat Italien seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs (Deutschland: 24, Österreich 31) - fehlende politische Stabilität und eine veraltete Verfassung machen Reformen schwierig. Die Auswanderung ist heute wieder so hoch wie in den 60er und 70er Jahren - dem Land kommen die besten Köpfe abhanden.

Das Taktieren und spekulieren auf Neuwahlen von Lega-Chef Salvini verschlimmern die Lage des hochverschuldeten Landes noch weiter. Nach dem Brexit wird Italien die drittgrößte Volkswirtschaft Europas sein - ein taumelndes Land in der Dauerkrise. Keine guten Nachrichten für Europa.