Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".
Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Europa bewegt sich, wieder einmal, auf dünnem Eis. Immerhin mit besten Absichten, schließlich will man ja die Erde retten. Aber gleichzeitig sollte auch nicht unbekannt sein, dass gut gemeint mitunter das Gegenteil von gut gemacht sein kann.

Allen voran Frankreich - aber auch Deutschland - will mit dem Segen etlicher weiterer EU-Staaten die lodernden Waldbrände im Amazonas-Becken zum Thema des Gipfeltreffens der G7-Staaten im südfranzösischen Biarritz machen. Das Feuer vernichtet derzeit tatsächlich in rekordverdächtigem Ausmaß als CO2-Speicher wertvolle Urwälder. "Unser Haus brennt", twitterte deshalb Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

Daraus hätte durchaus ein sympathischer Aufruf zu globaler Verantwortung angesichts globaler Probleme werden können, bei denen es eigentlich egal ist, wo exakt es gerade wieder "brennt". Schließlich leben wir alle auf demselben Planeten Erde. Aber Politiker können nur selten der Versuchung widerstehen, an einer an sich guten Sache immer weiter und weiter zu drehen, bis sich von ganz allein ein bitterer Nachgeschmack einstellt. Selbst solche nicht, die sich selbst für das beste Gegenmittel zur grassierenden Populistenwelle halten, wie es bei Macron der Fall ist.

Das beginnt damit, dass von den aktuellen Bränden offensichtlich einfach kein passendes Bild aufzutreiben war, weshalb Macron einfach ein Foto aus dem Jahr 1989 an seinen "Unser Haus brennt"-Tweet anfügte.

Weniger überraschend ist da schon, dass Macron prompt die Blockade des eben erst von der EU-Kommission mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten ausgehandelten Freihandelsabkommen androht. Da fällt es fast nicht mehr ins Gewicht, dass die Europäer über Brasilien bei einem Gipfeltreffen reden wollen, bei dem Brasilien gar nicht vertreten ist.

Spätestens da beginnt die Metapher von "unserem Haus" arg windschief dazustehen.

Die Gelegenheit, einen erklärten Anti-Populisten auf offener Weltbühne beim Populismus zu ertappen, lässt sich ein geeichter Rechtsaußen-Populist wie Jair Bolsonaro natürlich nicht entgehen. Macron zeige eine "kolonialistische Mentalität", ließ Brasiliens Staatschef alle Welt wissen. Und der muss ja wissen, wie sich das anfühlt, schließlich verhält er sich gegenüber den indigenen Völkern seines Landes exakt so.

Der Klimawandel stellt ein eminentes globales Problem dar; für jede Lösung sind riesige natürliche CO2-Speicher wie das Amazonas-Becken unerlässlich; ihr Schutz geht deshalb die ganze Welt an. Aber beim Kampf gegen den Klimawandel sollte man nicht über den eigenen populistischen Opportunismus stolpern. Und es Klimaleugnern auf diese Weise noch leichter machen.