Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".
Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Man sollte jetzt nicht so tun, als ob der Austausch von Kompetenz durch Prominenz sooooo typisch für unsere angeblich so postdemokratische Demokratie sei. Dieses Phänomen gibt es, seit die Mächtigen Grund zur Vermutung haben, dass ihnen ein bisschen Unterstützung aus unpolitischen Kreisen bei der breiten Masse womöglich nützen könnte.

Zugegeben, in den guten alten Tagen schaffte es nur das parteipolitische Engagement einiger ausgewählter Geistesgrößen zu Medienruhm. Wie in anderen Bereichen auch war es Bruno Kreisky, der für eine Demokratisierung sorgte. Was wäre wohl los, wenn heute zwei Schriftsteller einem Kanzler zum 70er ein Heldenbuch mit dem schlichten Titel des Bewunderten widmeten, wie es Gerhard Roth und Peter Turrini 1981 mit dem Band "Bruno Kreisky" taten?

Die Andacht störte damals nur der übliche Verdächtige: Für den ewig wütenden Thomas Bernhard war die Verehrungsgeste ein Beweis, "wie schwachsinnig und charakterlos unsere jungen opportunistischen Schriftsteller heute sind". Den Kanzler selbst überzog er mit weiteren wüsten Verbalinjurien.

Von "verblödet", wie es nun der Schauspielerin Christiane Hörbiger in Richtung SPÖ entfuhr, war übrigens bei Bernhard nichts zu lesen, wahrscheinlich wäre ihm die Formulierung auch lächerlich schwach erschienen für das, was es aus seiner Sicht zu geißeln galt. Lieber bezeichnete der Dichter den Kanzler als "Halbseidensozialist", "rosaroten Beschwichtigungsonkel" und "einen am eigenen Murren würgenden sturen Soziomonarch". Einen "schlechten Bundeskanzler" nannte er Bruno Kreisky natürlich auch.

Dass Schimpfende von diesem Kaliber heute nicht mehr unter den Polemisierenden weilen, ist eine alte Leier. Falls doch, gehen ihre kunstvollen Verwünschungen in der Masse unter. Wenn nämlich jeder mitmachen darf
und ziemlich viele mitmachen wollen, sind der Spaß und das Niveau zwangsläufig die ersten Opfer. Und als letzter Kompass für die Einordnung der Kritik bleibt die Frage: Geht es gegen einen von uns oder eh gegen die anderen?

Wobei noch genauer zu untersuchen wäre, was jetzt genau die Emotionen so hochgehen lässt: Ist es tatsächlich nur das Schimpfen, oder schmerzt nicht in Wirklichkeit das Lob für die - aus subjektiver Sicht selbstredend - falsche Person die Empörten der anderen Seite viel, viel mehr?

Von daher wäre es eigentlich naheliegend, wenn es immer nur die Kritik am eigenen Lager und das Lob für die Gegner in die Schlagzeilen schaffen würden. Das hätte zwar ausnahmsweise wirklich Nachrichtenwert, aber ist als Grundgedanke natürlich völlig verquer. Würde ja schließlich auch wieder nur von der falschen Seite retweetet werden.