Bei der Analyse von Politik vernebeln Emotionen den Blick. Das ist vor allem der Fall, wenn es um Objekte der Leidenschaften geht - und die FPÖ ist ein solches Objekt der Leidenschaften, für ihre Anhänger und fast noch mehr für ihre Gegner.

Nüchtern betrachtet haben Jörg Haider wie Heinz-Christian Strache es wie nur wenige andere in der österreichischen Politik verstanden, mit der Zuneigung ihrer Fans und der Ablehnung der Gegenseite politische Stimmung zu machen. Und, wenn man will, auch Politik. Das war fast nie schön anzusehen, sollte es wohl auch nicht sein.

Haider und Strache standen jeweils 14 Jahre lang an der Spitze. Beide scheiterten an ihren Defiziten, den politischen und charakterlichen. Haider musste die Flucht aus der eigenen Partei antreten. Er versuchte sogar, seine alte Heimat in den Abgrund zu stoßen, indem er alle Ressourcen, Regierungsämter, Mandate und Förderungen von der FPÖ hin zu seiner neuen Partei, dem BZÖ, transferierte. Strache dagegen versagt sich - noch, muss hier hinzugefügt werden - die Option der Gründung einer eigenen Partei und appelliert an die Geschlossenheit "unserer freiheitlichen Familie".

Das bringt ganz gut die Unterschiede auf den Punkt: Haider war das brillante Chamäleon, zwischenmenschlich gewinnend und abstoßend, kühl berechnend, eitel und so verletzlich wie verletzend. Unter ihm war die FPÖ eine Wolfsmeute, die jeden zerfleischte, den der Leitwolf zur Demontage freigab.

Mit Strache schloss die Partei ihre Reihen, zog ein enger Korpsgeist ein; die Spitze bildete ein über weite Strecken verschworenes und eingeschworenes Team - soweit so etwas in der Politik überhaupt möglich ist.

Schaden bezog die FPÖ deshalb meist aus Selbstfallern und rechtsextremen "Einzelfällen". Die Folgen hielten sich meist in engen Grenzen. Bis zu Ibiza- und Spesenaffäre.

Strache wurde zur untragbaren Belastung. Mit seinem Rückzug nimmt er sich vorerst aus der Schusslinie. Aber es bleiben offene Fragen: Die FPÖ braucht eine Lösung mit Strache, nicht gegen ihn. Eine öffentliche Ausbreitung aller internen Ereignisse der vergangenen 14 Jahre wäre ein Albtraum für die "neue FPÖ". Und ein Freudenfest für Medien und Gegner. Welche FPÖ am Ende eines solchen Selbstzerstörungstrips stehen würde, ist völlig offen.

Trotzdem sind die Aussichten der FPÖ so trist nicht: Sie verfügt mit Migration, Sicherheit und der Wut auf "die da oben" über Themen, die bleiben, und mit Norbert Hofer und Herbert Kickl über ein personelles Angebot, das die eigene Zielgruppe anspricht. Das ist mehr, als die SPÖ derzeit von sich behaupten kann.