Dank Donald Trump sind die Vereinigten Staaten von einer Hypermacht zu einer Humormacht mutiert. In den Jahrzehnten vor Trump sollte die Welt die Flugzeugträgerflotte und die Nuklearsprengköpfe der mächtigsten Weltmacht fürchten - heute fällt es schwer, das Dauer-Gezwitscher des US-Präsidenten auf dem Kurznachrichtendienst Twitter nicht für plumpe Satire zu halten: "Wenn die Türkei irgendetwas unternimmt, was ich in meiner großartigen und unvergleichlichen Weisheit für tabu halte, werde ich die türkische Wirtschaft vollständig zerstören und auslöschen", schrieb Donald Trump.

Tja. Dabei wollte Trump mit seiner wüsten Twitter-Drohung am Montag eigentlich Schadensminimierung betreiben. Denn dem Tweet war ein Telefonat mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vorangegangen, in dem er ihm offenbar angekündigt hatte, die verbliebenen US-Elitesoldaten aus dem mehrheitlich kurdisch besiedelten Teil Syriens abzuziehen. Selbst Trumps engste Verbündete reagierten entsetzt. Denn damit hatte Trump Erdogan de facto grünes Licht für die langersehnte Errichtung einer türkischen Schutzzone auf syrischem Territorium gegeben, die klar auf Kosten der Kurden gehen würde. Jahrelang waren die Syrischen Demokratischen Streitkräfte (die zum größten Teil von Kurden gestellt werden) die wichtigsten Alliierten der USA im Kampf gegen die Terrormiliz IS. Mit einem Tweet lieferte Trump sie Erdogan aus - daran ändern auch seine Twitter-Drohgebärden gegen die Türkei wenig.

Wenn es also eine Trump-Doktrin geben sollte, dann lautet diese: Wir sind dann mal weg. Die Türkei, die sich im Kampf gegen den IS nicht allzu sehr hervorgetan hat, betrachtet die kurdischen Milizen auf syrischem Territorium als stärkere Bedrohung als die Dschihadisten. Schließlich hat es die Regierung in Ankara seit vielen Jahren mit einem Aufstand der Kurden im Südosten der Türkei zu tun. Erdogans Schreckensvision ist nicht das IS-Kalifat, sondern das Entstehen eines kurdischen Halbmonds, der sich eines Tages vom heute syrisch-kurdischen Territorium über die kurdisch besiedelten Teile des Irak bis hin zu den kurdischen Landesteilen des Iran und schließlich jenen der Türkei erstrecken könnte.

Mit dem Abzug von US-Truppen wird ein militärischer Konflikt zwischen der türkischen Armee und den syrischen Kurden zu einer echten Gefahr. Dieser würde versprengten und untergetauchten IS-Dschihadisten jenen Bewegungsspielraum verschaffen, der es ihnen erlauben könnte, sich neu zu gruppieren. Zugleich treibt der US-Präsident die Kurden in die Arme von Bashar al-Assad: Von ihm haben sie nämlich weniger zu befürchten als von der Türkei.