War es jetzt mutig, Greta Thunberg den Friedensnobelpreis nicht zu verleihen? Sei es aus Überzeugung oder nur mit dem Ziel, nicht auch noch diese Last auf die schmalen Schultern einer 16-jährigen Klimaaktivistin zu laden. Oder ist die Entscheidung der vom norwegischen Parlament eingesetzten Jury nicht doch feig? In dieser Frage wird nicht so schnell Friede einkehren.

Bekommen hat den Preis Äthiopiens Ministerpräsidenten Abiy Ahmed für seine Bemühungen, den jahrzehntelangen Konflikt mit dem Nachbarn Eritrea zu überwinden. Die Auseinandersetzung am Horn von Afrika hat eine lange Geschichte, die auch nach der gewaltsamen Abspaltung Eritreas von Äthiopien wiederholt in offene Gewalt mündete. Es ist Abiys Verdienst, die Konkurrenz der verfeindeten Bruderstaaten durch Kooperation zu ersetzen, auf dass Entwicklung und wachsender Wohlstand den Menschen der gesamten Region die Perspektive auf eine bessere Zukunft zu bieten vermögen.

Aber Abiys Arbeit bleibt ein Prozess, bei dem es keine Garantie für ein glückliches Ende gibt. Die Rückkehr zur Gewalt bleibt jederzeit eine Möglichkeit. Die Verleihung des Friedensnobelpreises würdigt deshalb kein abgeschlossenes Projekt, sondern ist ein Zeichen der Unterstützung für dieses Ziel und eine Anerkennung für diesen Einsatz.

Diese Strategie der Osloer Jury, keinen endgültigen Friedensschluss, sondern ein Friedensprojekt auszuzeichnen, ist nicht neu. 1984 erhielt der schwarze Bürgerrechtler und anglikanische Bischof Desmond Tutu den Friedensnobelpreis für seinen Einsatz für eine friedliche Überwindung der Apartheid in Südafrika. Bis zur endgültigen Aussöhnung (falls es so etwas überhaupt gibt) zwischen Schwarzen und Weißen sollte es noch ein weiteres Jahrzehnt dauern. Und auch Shimon Peres, Jitzhak Rabin und Jassir Arafat erhielten die Auszeichnung nicht für einen Friedensschluss in Nahost, denn den gibt es bis heute nicht, sondern für eine Idee vom Frieden.

Daraus leitet sich auch die Konsequenz dieses Friedensnobelpreises für die internationale Gemeinschaft ab: Mit einem "Gut gemacht" und "Herzlichen Glückwunsch" an die Adresse Abiys ist es nicht getan; der Preis muss als Aufforderung verstanden werden, den Preisträger bei seinem Projekt bestmöglich zu unterstützen. Natürlich ist der Nobelpreis - oder sollte es jedenfalls sein - eine Auszeichnung für das bisherige Handeln der Ausgezeichneten. Aber mindestens so sehr, wenn nicht sogar vor allem, ist diese Würdigung ein Aufruf, den beschrittenen Weg entschlossen fortzusetzen. Das gilt immer, und am leidgeprüften Horn in Afrika ganz besonders.