Die Sehnsucht nach einer besseren Welt als die, die wir übernommen und an der wir selbst weitergebaut haben, ist tief im Menschsein verankert. Im Christentum findet sie im Weihnachtsfest seinen Ausdruck: in der Menschwerdung Gottes in einem elenden Stall, weil bei der Herbergssuche alle Türen verschlossen blieben. Man muss das nicht glauben und kann es trotzdem für eine großartige Geschichte halten, liegt darin doch die Verheißung von Frieden auf Erden für alle Menschen guten Willens.

In der Kraft dieser Botschaft findet sich ein großer Teil jener Antwort, die sich über die unveränderte Lebendigkeit von Religion als eigenständigem Erfahrungsraum in Abgrenzung zu einem vermeintlich überlegenen säkularen Denken wundert. Religiöse Erfahrung bleibe so lange ein "Pfahl im Fleisch der Moderne", solange sie mit einer lebendigen religiösen Praxis verknüpft sei, ist der Philosoph und geeichte säkulare Rationalist Jürgen Habermas überzeugt.

Ein Pfahl im Fleisch einer mitunter orientierungslosen und sinnleeren Moderne: Womöglich ist das kein schlechter Rat für eine gegenwärtige und künftige Aufgabe der christlichen Kirchen. Nach einer - manchmal trotzigen - Trauerphase haben sich die Kirchen, wenigstens in Europa, mittlerweile an den Verlust ihrer einst engen Verbindungen zur politischen Macht gewöhnt.

Mehr noch: Dieser Verlust wird zunehmend als Befreiung wahrgenommen, die eigenen Anliegen und ohne Rücksichtnahme auf diesseitige Verantwortlichkeiten wieder in den Mittelpunkt des eigenen Tuns zu rücken.

Das allein wird für die Kirche, jede Kirche, schwer genug. Will sie, die unsere Kultur und unser Zusammenleben über 1500 Jahre wesentlich geprägt hat, ihre Verbindung zur heutigen Gesellschaft nicht verlieren, reicht es nicht, bei politischen Streitfragen von den Grenzen der Humangenetik bis zur Ausgestaltung des Sozialstaats einfach auch mitzureden. Viel wichtiger wird es sein, den eigenen Gläubigen eine Infrastruktur an transzendentalen Erfahrungsmomenten anzubieten. Zentral ist eben die lebendige religiöse Praxis.

Dazu gehören in erster Linie Seelsorger, die wissen, was die Menschen um sie herum bewegt. Und die ihre Botschaft auch vermitteln können. Tatsächlich hat es der Kirche an vielen Orten und bei vielen Themen die Sprache verschlagen.

So viel ist klar: Erlischt die praktische Möglichkeit zur transzendentalen Erfahrung, verliert religiöses Denken die Kraft, die säkulare Vernunft gewinnbringend für beide Seiten zu ergänzen. Das wird an der Hoffnung auf, wie auch an der Arbeit für eine bessere Welt nicht spurlos vorübergehen.