Stilfragen bestimmten die erste Aufregung um das neue Buch der ehemaligen Lehrerin Susanne Wiesinger, die am Montag ihren Job als Ombudsfrau für Wertefragen und Kulturkonflikte im Bildungsministerium verlor; der Inhalt verdient trotzdem eine offene Auseinandersetzung.

Wiesingers Buch "Machtkampf im Ministerium" ist - entgegen dem knalligen Titel - keine Abrechnung mit dem Ministerium. Tatsächlich findet die Autorin nicht nur für Bildungsminister Heinz Faßmann lobende Worte, sie geht auch, obwohl selbst überzeugte Linke, mit den ehemals eigenen Genossen härter ins Gericht als mit den politisch Andersdenkenden.

Das Buch ist vielmehr eine Generalabrechnung mit, ja in weiten Teilen sogar eine Hinrichtung von sämtlichen Institutionen des Bildungssystems. Besonders angesprochen fühlen müssen sich Bildungspolitiker von ÖVP und SPÖ in Bund und Ländern; die Lehrergewerkschaften werden als verlängerter Arm der Parteipolitik demaskiert und sämtliche parteinahe Bildungsexperten gleich mit dazu; sie alle versagen angesichts der Probleme im Umgang mit der Zuwanderung. Wiens Bildungspolitik, so die frühere Lehrerin an einer Wiener Brennpunktschule, agiere nur noch als ideologische Opposition zum türkisen Bundesministerium.

All das ist, zugegeben, keine neue Geschichte. Wer sie erzählen wollte, konnte es jederzeit tun; die Fakten sind den zahlreichen Eingeweihten recht gut bekannt. Doch statt darüber zu berichten, was tatsächlich ist, bewegte sich auch die journalistische Auseinandersetzung mit dem Thema Schule viel zu häufig entlang des bildungspolitischen Frontverlaufs. Ideologie beengte auch hier die freie Sicht.

Wiesinger, die an keiner Stelle mit ihren weltanschaulichen Überzeugungen hinter den Berg hält, plädiert für einen deklariert unideologischen Umgang mit den Problemen in der Bildungspolitik: Umgesetzt werden soll, was funktioniert - und das heißt: was den Kindern eine Chance auf Integration sowie ein selbstbestimmtes und erfolgreiches Leben ermöglicht.

Nichts wesentlich Neues, dies aber durch ihre unmittelbaren Erfahrungen mit einem Kabinett erzählt die Landesbeamtin Wiesinger auch über das Leben im Herzen der Bürokratie: darüber, wie misstrauisch die politischen Mitarbeiter in einem Ministerbüro gegenüber Fremdkörpern agieren, über das Denken in Freund-Feind-Kategorien und schließlich über die bedenkliche Sicht auf die Rolle eines unabhängigen Journalismus.

Wiesinger hat also einmal mehr eine alte Geschichte Österreichs aufgeschrieben. Und solange diese stimmt, muss sie noch viele Male erzählt und aufgeschrieben werden. Stilfragen hin oder her.