Noch einmal Susanne Wiesinger. Der im Unfrieden aus dem Amt einer Ombudsfrau für Wertefragen und Kulturkonflikte im Bildungsministerium geschiedenen Ex-Lehrerin ist es gelungen, die verfahrene Debatte um die Alltagsprobleme im Unterricht von Brennpunktschulen zurück ins Zentrum der Debatte zu holen. Aber Wiesingers Erfahrungsbericht aus dem Herzen des Bildungssystems leuchtet noch einen weiteren wichtigen Aspekt aus, ohne den sich die Dynamik unserer gespaltenen Gesellschaft nur unvollständig verstehen lässt: die Selbsterhöhung einer sich moralisch überlegen dünkenden Elite.

Wiesingers Schilderungen von ihren Begegnungen mit hart linken Schulleitern in Wien und Vorarlberg (sic!), die sich weigern, über die unbequeme Wirklichkeit zu diskutieren, nur weil diese Realität nicht mit ihrer Weltsicht in Übereinstimmung zu bringen ist, taugt als Schlüssel für den tobenden Kulturkampf.

Wer jetzt denkt: "Typisch links!", der übersieht, dass vor einer Versuchung zur moralischen Selbsterhöhung niemand gefeit ist, Linke wie Rechte sind dafür gleichermaßen anfällig. Ivan Krastev, der aus Bulgarien stammende und in Wien forschende Politologe, hat kürzlich in einem Interview mit der "Wiener Zeitung" diesen Prozess beschrieben.

"Was bedeutet es überhaupt, gebildet zu sein?", fragte Krastev und gab darauf gleich selbst die Antwort: "Gebildet ist, wer so tut, als ob es niemanden gäbe, der es besser weiß als man selbst! Gebildete machen sich eine eigene Meinung über alles und jeden. (. . .) Hausverstand, das ist etwas, das die einfachen Leute haben; eine eigene Meinung ist dagegen das Privileg der Eliten."

Und wie alle Eliten zu allen Zeiten sind auch die angeblich restlos aufgeklärten gegenwärtigen Intellektuellen anfällig für das uralte Vorurteil, wonach Mindergebildete irgendwie moralisch minderwertig seien.

Eine klarere Erkenntnisfähigkeit aufgrund überlegener Weltanschauung und eine überlegene Moral aufgrund höherer Bildung: Diese toxische Verirrung ist der Stoff, aus dem das hartnäckige Wegschauen über zahlreiche Missstände gewoben ist.

Das wäre noch irgendwie erträglich, wenn auch die Eliten zu den Leidtragenden dieser Realitätsverweigerungen gehören würden. Doch genau das ist nicht der Fall, wenn es zu den hervorstechendsten Eigenschaften selbstbezogener Eliten zählt, für sich und ihresgleichen Refugien und Schlupflöcher zu kreieren.

Unerträglich ist dagegen, dass die bitteren Folgen diejenigen zu tragen haben, als deren Fürsprecher sich diese Eliten eigentlich ausgeben. In der Schule trifft das nun bereits die dritte Generation an Migranten.