Der Brexit ist endlich Realität. Und auch wenn vorerst nur die Übergangsfrist begonnen hat und die Gefahr eines vertragslosen Austritts noch immer nicht gebannt ist, so bietet diese neue Stufe im Verhältnis Großbritanniens zu seinen europäischen Partnern vielleicht doch endlich die Chance, die Beziehungen zumindest langsam wieder zu entkrampfen. Und dazu gibt es keinen besseren Weg, als die Entscheidung zu akzeptieren und dem ehemaligen Vereinsmitglied für seine Zukunft von ganzem Herzen nur das Beste zu wünschen.

Das gebietet nicht nur der Respekt vor der Grundsatzentscheidung der Briten, wie heftig umkämpft dieser Schritt auch immer in Großbritannien selbst gewesen sein mag; sondern das verlangt auch das kühl kalkulierte Eigeninteresse der verbliebenen 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union. All die - insgeheim auf dem Kontinent herbeigesehnten und noch mehr herbeigeschriebenen - Erwartungen einer absehbaren ökonomischen Verelendung samt kultureller Verzwergung des künftigen Vereinigten Königreiches sind dabei das unsympathische Spiegelbild der nicht minder seltsamen britischen Zwangsneurose von einem imaginierten Völkerkerker unter der Knute einer technokratischen Brüsseler Elite.

Tatsächlich sollten die EU-27 das größte Interesse an einem prosperierenden Post-Brexit-Großbritannien haben, wie umgekehrt die Briten sich nur die Fortschreibung der europäischen Erfolgsgeschichte wünschen können. Und wie gesagt: Mit bloßem Altruismus hat das nichts zu tun. Um das zu erkennen, genügt schon ein Blick auf die geografische Lage und das enorme Ausmaß an wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Verflechtungen. Dann wird offensichtlich, dass beide Seiten nur miteinander und nicht gegeneinander erfolgreich sein können,

So gesehen ist es höchste Zeit, den Fokus bei der weiteren Abarbeitung des Brexit-Fahrplans auf die Chancen einer Neujustierung der Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien zu richten. In den Jahren seit dem Brexit-Votum von 2016 haben sich ja insbesondere die Europäer mit einer rätselhaften Angstlust an Horrorszenarien delektiert, die von Bürgerkrieg, Hungersnöten und Massenarmut auf der Insel erzählten. In der Realität kann davon keine Rede sein.

Nur wenn es gelingt, aus der Tragödie des Brexit - und eine Tragödie bleibt der Austritt Großbritanniens aus der EU für das europäische Projekt - eine Erfolgsgeschichte für alle Beteiligten zu machen, lebt die Chance, dass auf die Trennung die baldige Wiederannäherung folgt. Dieses Ziel muss die Leitlinie für die kommenden Verhandlungen über die künftigen Beziehungen sein.