Endlich in Phase zwei im Kampf gegen das Virus angekommen, wühlt immer noch die so erstaunliche Phase eins auf. Für das Standardverhalten im freiheitlichen Rechtsstaat gibt es zwei pragmatische Orientierungshilfen. Die eine, die sich an die Bürger richtet, lautet, dass alles, was nicht ausdrücklich verboten ist, erlaubt ist. An den Staat richtet sich die Verpflichtung, diese gesamte Vollziehung ausschließlich auf der Grundlage von Gesetzen zu erledigen, weil nur dann eine staatliche Handlung auch beeinsprucht werden kann.

Der Kampf gegen die Pandemie hat dieses simple Koordinatensystem durcheinandergewirbelt.

Maßgeblich zum bisherigen Erfolg des Maßnahmenbündels hat etwa beigetragen, dass eine überwältigende Mehrheit die staatlichen Vorgaben sogar freiwillig übererfüllt hat. Die Empfehlung der Regierung, man möge doch bitte den Hausverstand walten lassen, um Oma und Opa zu schützen, erwies sich dabei als Meistergriff der politischen Kommunikation.

Ist das schlecht? Natürlich nicht. Diese Bereitschaft zum Rechtsverzicht ist entscheidend dafür, dass die Zahl der Toten in Österreich im europäischen Vergleich bisher so gering geblieben ist.

Die spannendere und auch relevantere Frage lautet: Warum haben sich die Menschen so engagiert verhalten? Denn tatsächlich sind das Ausmaß und die Disziplin frappierend, mit der wir uns die staatlichen Vorgaben zu eigen gemacht haben, Freunde und Familien nicht mehr zu treffen und auf den Gutteil unseres bisherigen sozialen Lebens zu verzichten.

Wie fast immer teilt sich die Welt bei der Antwort in zwei Lager: Die Optimisten sind überzeugt, dass ein Gespür für die Größe der Gefahr und das Risiko für die Gesundheit jedes Einzelnen den Ausschlag für diese Solidarität gegeben hat. Die Pessimisten befürchten, dass in der Folgsamkeit der Massen erneut die nie überwundene Hörigkeit gegenüber den Mächtigen zum Vorschein kommt und die jedes abweichende Verhalten als Verstoß gegen das Kollektiv ahnden will.

Wie so oft bestimmt also der Standort des Betrachters, ob wir es in dieser Krise mit empathischen Mitmenschen zu tun haben, die aus Überzeugung in die Notwendigkeit auf Freiräume verzichten, oder mit verkappten Blockwarten, die ohne Rücksicht auf das eigene Recht tun, was die Macht will.

Davon abgesehen gibt es einen direkt proportionalen Zusammenhang zwischen der Menschenfreundlichkeit eines Staates und dem Stellenwert der Machtkritiker in diesem. Ohne die Bereitschaft zur Solidarität stehen allerdings auch diese Kritiker sehr schnell sehr allein da.