Das letzte Mal, als man in Europa eine unsichtbare Gefahr fürchten musste wie heute das Sars-CoV-2-Virus, war im Frühling 1986. Am 26. April gab es in Tschernobyl eine Kernschmelze und der radioaktive Fallout breitete sich auch westlich des Eisernen Vorhangs aus. Ein paar Monate später erschien ein Buch des deutschen Soziologen Ulrich Beck mit dem Titel: "Risikogesellschaft". Die Öffentlichkeit verstand den Titel des Buches instinktiv. Beck beschrieb in seinem Buch die spätmoderne Risikogesellschaft, in der es weniger um die Verteilung der produzierten Reichtümer, sondern mehr um die Verteilung der produzierten Risiken geht.

Seit Tschernobyl sind die Risiken auf unserem Planeten noch komplexer geworden: War Tschernobyl (und später die Reaktorkatastrophe in Fukushima, Japan im März 2011) regional begrenzt, erfasst die Sars-CoV-2-Pandemie den ganzen Erdball. Und die Risikospirale dreht sich immer weiter: Denn verglichen mit der drohenden Klimakatastrophe scheint selbst Covid-19 leicht beherrschbar.

Wir leben nun mitten in Ulrich Becks Risikogesellschaft.

Doch was nun? Die beste Reaktion auf gestiegenes Risiko sind rationale Agilität und Flexibilität. Gesellschaften und Staaten, die rasch, entschieden, konsequent und dabei dennoch überlegt handeln und dabei flexibel agieren, werden in der Covid-19-Ära erfolgreich sein.

Die österreichische Seele - eine Mischung aus Gesetzestreue, Vernunft und Augenmaß bei gleichzeitiger Beweglichkeit - hat sich bisher ganz gut bewährt. Aber Covid-19 wird auch in den kommenden Monaten allen alles abverlangen. Vor allem jetzt, in der Phase des zaghaften Wiederhochfahrens der Gesellschaft. Es wird gestaffelte Öffnungszeiten von Industrie, Büros und öffentlichen Einrichtungen brauchen, Sommerschul-Angebote, um Lerndefizite bei Schülerinnen und Schülern auszugleichen. Das neue Motto: Geht nicht gibt’s nicht. Rücksichtnahme und Solidarität sind jetzt zentrale gesellschaftliche Werte, flankiert von Geduld, Tatendrang und Frustrationstoleranz. Frei nach dem Motto: Lass nie eine Krise ungenutzt verstreichen.

Die Corona-Krise konnte der 2015 verstorbene Ulrich Beck natürlich nicht vorhersehen. Aber sein Spätwerk, "Die Metamorphose der Welt", lässt sich als Handlungsanleitung für die Post-Corona-Welt lesen. In diesem Buch beschrieb Beck unter dem Schlagwort eines "emanzipatorischen Katastrophismus", die positiven Nebenfolgen von bads (Risiken unterschiedlichster Art). Becks Hoffnung: Die Normenhorizonte würden sich in Richtung des Gemeinwohls der Menschheit verschieben und Gesellschaften eine kosmopolitische Perspektive - jenseits des nationalstaatlichen Rahmens - aufzwingen. Die Hoffnung lebt.