Der Wille, noch dem größten Unglück Positives abzugewinnen, ist tief im menschlichen Wesen verankert. Auch jetzt fehlt es nicht an Zukunftsdeutern, die bei der Corona-Krise danach fahnden. Solches Glück im Unglück wird es - hoffentlich - schon geben, insgesamt jedoch erweist sich das Virus Sars-CoV-2 als Massenvernichtungswaffe von Leben und Wohlstand. Realistisch ist die Erwartung, dass die bitteren Erfahrungen dazu führen, dass wir auf die nächste, womöglich noch gefährlichere Pandemie besser vorbereitet sind.

Optimisten bauen auf diesem Kooperationsdruck ihre Hoffnungen auf eine neue Ära des großen Miteinanders. Die internationalen Initiativen zur Erforschung, Herstellung und Verteilung eines Impfstoffes sind ein Lichtblick. Davon abgesehen wird sich Covid-19 als Katalysator für bereits bestehende Entwicklungen erweisen - und das betrifft nicht nur die Digitalisierung, sondern auch eine Verschärfung der Gegensätze in der Weltpolitik.

Das aktuelle Geplänkel mithilfe durchgestochener Geheimdienstberichte rund um die undurchsichtige Informationspolitik Chinas zu Corona liefert dabei lediglich ein Vorspiel. Dieser sich zuspitzende Gegensatz wird aber auch dann weiterwirken, falls ein anderer, weniger erratischer US-Präsident im Oval Office sitzen sollte. Donald Trump versucht jetzt, seine Wiederwahl zu retten, und scheut dabei nicht vor Verschwörungstheorien zurück (tatsächlich finden sich nach aktuellen Wissenstand keine belastbaren Hinweise, dass das Virus einem chinesischen Labor entstammt). Doch davon abgesehen, ist die Kritik an China so ziemlich der letzte Politikbereich, wo sich Republikaner und Demokratien in Washington noch einig sind.

Umgekehrt ist offensichtlich, dass China allzeit bereit ist, jede Schwäche zu seinen Gunsten zu nutzen, um den eigenen Einfluss auszudehnen. Das ist keine spezifische Eigenschaft Pekings, sondern liegt in der Natur jedes Akteurs, der das Gefühl hat, er bekomme nicht, was ihm zustehe.

Immerhin auf dem Papier ist klar, welche Rolle die EU in dieser sich aufschaukelnden Konfrontation einnehmen will: Die eines selbstbewusst-eigenständigen Akteurs, der seine Interessen zu verteidigen und durchzusetzen weiß. In der Praxis ist von dieser "Weltpolitikfähigkeit" wenig zu erkennen - und nach dem Brexit noch weniger. Das aktuelle Krisenmanagement nimmt einmal mehr alle Ressourcen der EU in Anspruch. Der größte Binnenmarkt der Welt muss auf ruhigere Zeiten hoffen, um seine imaginierte Rolle auf der Weltbühne in einen konkreten Politikentwurf zu übersetzen. Wenn nicht dann die nächste Krise dazwischenkommt.