Am 8. Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Die Alliierten, also die USA, die Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich, halten seitdem dieses Datum als Siegestag hoch, Deutsche und Österreicher gedenken der Befreiung vom selbst auferlegten nationalsozialistischen Terrorregime, weil wir nicht imstande waren, dieses aus eigener Kraft abzuschütteln.

Nun haben wir noch einige wenige Jahre, in denen die letzten Augenzeugen die Ereignisse und Lehren dieses Weltkriegs, dessen direkte und indirekte Opferzahl irgendwo zwischen 55 und 80 Millionen Menschenleben liegt (die eine Zahl ist so unvorstellbar wie die andere), an uns weitergeben können. Dann sind wir Nachgeborenen dabei auf uns allein gestellt.

Eine der wichtigsten und zugleich verstörendsten Lektionen ist, dass Krieg doch eine Notwendigkeit sein kann. Anders als der Erste Weltkrieg, der mit einigem guten Willen und professionellerer Diplomatie verhindert hätte werden können, war der Zweite im Kern unvermeidbar; Hitler und die innere Logik des NS-Regimes ließen keine Alternative zu; selbst dann nicht, wenn man es vorgezogen hätte, dieses bei seinem Vernichtungsfeldzug gegen Juden, Slawen, Sinti und Roma und die politischen Gegner sonder Zahl einfach gewähren zu lassen. Hitler strebte in seinem Größenwahn nach der Weltherrschaft.

Wenn aber Krieg, und sei es nur in einem besonderen Fall, nicht nur legitim, sondern sogar geboten ist, bleibt die Unterscheidung über Krieg und Frieden - und alle Graubereiche dazwischen - doch nur wieder der Politik und ihrer eigenen Logik überlassen. Somit bleibt allein die Aufgabe, wenigstens zu verhindern, dass sich Regierungen und Regime allzu leicht bei ihrer Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, wie Kriege gerne umschrieben werden, allzu leicht auf einen angeblich moralisch gebotenen Kampf gegen irgendein Böses berufen, wenn sie dabei doch nur banale Interessen im Auge haben.

Die zweite zentrale Lehre aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs betrifft unsere Beziehung zu Israel. Ohne den Holocaust gäbe es diesen Staat wohl heute nicht - oder jedenfalls nicht in dieser Form; ohne die Schoah hätte es vielleicht keine Notwendigkeit gegeben, dass die Juden sich zum Schutz einen eigenen Staat erkämpfen mussten (obwohl die Ideen dafür einige Jahrzehnte älter sind). Das macht die Sicherheit Israels auch zu einer Angelegenheit Österreichs.

Die dritte Lektion ist immerhin bereits rhetorisches Allgemeingut: der Kampf gegen jede Verfolgung aus ethnischen, religiösen, politischen oder sonstigen Gründen. Mit der Praxis dauert es halt noch ein wenig.