Dass die Grenzen zu Deutschland und der Schweiz ab 15. Juni wieder offen sind und die Kontrollen ab sofort gelockert werden, ist der erste wirkliche Lichtblick für alle, die direkt oder indirekt vom Tourismus abhängen. Ohne die Aussicht auf deutsche Urlauber würde die Sommersaison zum beispiellosen Trauerspiel; selbst mit den Nachbarn besteht nur die Aussicht, den Flurschaden der Pandemie in Grenzen zu halten; ohne sie würden in zahllosen heimischen Gaststuben, Hotels und bei regionalen Nahversorgern und Zulieferern die Lichter ausgehen.

Angesichts dieser Abhängigkeiten - der Anteil der deutschen Übernachtungen machte 2019 fast 40 Prozent aus - überraschte der Ehrgeiz (und - angesichts der Ischgler Vorkommnisse - das Selbstbewusstsein), mit dem die Kanzlerpartei immer wieder gegen das Krisenmanagement in Berlin gestichelt hat. Zumal es wiederum die ÖVP war, die als Erste auf Grenzöffnung für deutsche Touristen drängte - und sich damit zunächst noch einen Korb holte. Unvergessen der Satz des bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder: "Wer nach Österreich will, kann in Bayern bleiben." Da musste etwas raus.

Dabei sind Söder und Sebastian Kurz durchaus auf einer Wellenlänge. Am 22. Mai findet der erste Internet-Parteitag der CSU, und ein Auftritt des Bundeskanzlers ist fest eingeplant. Vielleicht war sich die ÖVP aber auch nur sicher, dass mit den sinkenden Infektionszahlen auch die Grenzen nicht mehr geschlossen bleiben können. Übersehen wird bei der aktuellen Erleichterung, dass das Zieldatum 15. Juni noch weit genug entfernt ist, um auf steigende Covid-19-Zahlen mit neuen Restriktionen zu reagieren.

Dass harte Fakten der Pandemie-Entwicklung bestimmen sollen, wann wo und welche Grenzrestriktionen aufgehoben werden, ist ein Gebot der Vernunft. Zu hoffen ist, dass das auch wirklich der Fall ist. Tatsächlich könnte man auch den Eindruck gewinnen, in der Krise trachten alle Staaten danach, den Abfluss von Urlauberbudgets in andere Länder zu unterbinden. Bayern will die Norddeutschen nicht nach Österreich ziehen lassen, wir sind nicht unglücklich, dass es mit einer Weiterreise nach Italien derzeit schlecht aussieht . . . In der Not ist sich jeder selbst der Nächste. Umso wichtiger werden klare, transparente und für jeden Bürger nachvollziehbare Kriterien und medizinische Daten sein, die nun beim Reigen der Grenzöffnungen den Takt vorgeben.

Diese Pandemie hat schon genug böses Blut in der Europäischen Union erzeugt. Es wäre eine Tragödie, wenn sogar der Sommerurlaub zu weiteren Verwundungen unter Freunden und Partnern führen würde.