Es ist ein frommer Wunsch der Glücklichen, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Nichts ist vorbei, nie, schon gar nicht die Geschichte und Geschichten, die wir uns immer wieder erzählen - und immer wieder anders.

Die Wut und Frustration und Enttäuschung, mit der nun seit Wochen die Denkmäler tatsächlicher und vermeintlicher Rassisten, der Vordenker und Profiteure von Kolonialismus und Sklavenhandel beschmiert und sogar gestützt werden, ereignen sich nicht zum ersten Mal. Nach jeder Zäsur, die einem neuen Blick Macht verschafft, macht sich eine Gesellschaft daran, die bestehenden Erinnerungsorte in Frage zu stellen, die Helden der alten Zeit zu verräumen. Mit dem Ziel der Selbstvergewisserung der eigenen, stets prekären Identität.

Dass es dabei um die Wahrheit geht, ist ebenfalls ein Klassiker. Die Vergangenheit so zu erzählen, wie sie "wirklich" war, mag als Anspruch durchgehen. Tatsächlich einlösen lässt sich dies nicht: Erzählbar wird Geschichte eben erst, wenn unendlich Vieles weggelassen und auf das Wesentliche reduziert wird. Was dieses Wesentliche ist, bestimmt jede Zeit für sich. Für unsere Zeit sind das die zuvor - und oft noch heute - Verdrängten, Unterdrückten, Verfolgten und Ausgebeuteten, deren Nachfahren und Fürsprecher jetzt lautstark Sichtbarkeit, Anerkennung und endlich Gleichheit in der Gegenwart fordern.

Für eine Gesellschaft, die so viel Wert auf ihr historisches Bewusstsein legt wie die unsere, kann das kaum überraschend kommen. Zumal wir mit Ermahnungen anderer stets schnell bei der Hand sind. Nun wird uns selbst ein wenig schmeichelhaftes Bewusstseinszeugnis ausgestellt.

Die Hoffnung, dass nach dem Neubedenken von Rassismus und Kolonialismus endlich Eintracht herrscht, wird sich trotzdem nicht erfüllen. Die Ungerechtigkeit im Hier und Heute bestimmt auch die Erinnerung an die Vergangenheit und ihre Täter und Opfer. Die Sehnsucht nach Wiedergutmachung, kurz: nach Gerechtigkeit im Jetzt, liegt auf der Hand. Und wenn auch dies irgendwann als Unrecht empfunden werden sollte, dreht sich das Rad aus Opfern und Tätern in der nächsten Generation weiter. Dann werden womöglich auch gestürzte Denkmäler wieder aufgestellt.

Durchbrechen könnte diesen Kreislauf aus Gegenwart und Vergangenheit nur ein umfassender Pakt des Vergessens und Verschweigens von Tätern wie Opfern, was einem Segen für die einen und einer Zumutung für die anderen gleichkommt. Zudem widerspricht dies unserem Verständnis von Verantwortung und unserem Wunsch, aus der Geschichte zu lernen. Hoffentlich klappt es irgendwann.