"Wir können diese Pandemie in einer zerrissenen Welt nicht besiegen", sagte Tedros Adhanom Ghebreyesus am Montag bei einer Konferenz in Dubai. Der aus Äthiopien stammende Generalsekretär der Weltgesundheitsorganisation WHO fügte hinzu: "Die Politisierung der Pandemie hat diese verschlimmert. Keiner von uns ist sicher, solange wir nicht alle in Sicherheit sind."

Ghebreyesus - der am Donnerstag im EU-Parlament erwartet wird - hat recht. Die Menschheit hat im Corona-Stresstest versagt.

Zu einem Zeitpunkt, an dem internationale Solidarität gefragt war, dominierte nationaler Egoismus, in jenem Moment, in dem Koordination über Landesgrenzen hinaus gefragt war, herrschte in den Hauptstädten Konfusion.

Dass Donald Trump die Mitgliedschaft bei der WHO am Höhepunkt der Covid-19-Krise in den USA aufkündigte, passt ins Bild eines völlig überforderten US-Präsidenten, bei dem sich Ignoranz mit Arroganz paart.

Dass China die immer lauter werdenden Forderungen nach lückenloser Aufklärung der Ursprünge der Sars-CoV-2-Epidemie nicht einmal ignoriert, ist wiederum beispielhaft für das selbstherrliche, autoritäre Regime in Peking. Zuletzt hat sich jetzt Bundeskanzler Sebastian Kurz in den immer lauter werdenden Chor jener, die Aufklärung fordern, eingereiht. Denn es ist bereits das zweite Mal in diesem Jahrtausend, dass ein Sars-Virus ausgehend von einem chinesischen Wildtiermarkt die Menschheit bedroht. Die letzte Epidemie 2002/2003 brach in Guangzhou aus und forderte 774 Todesopfer. Die Covid-19-Epidemie, die nun von der zentralchinesischen Stadt Wuhan ausging, wird diese Woche wohl noch die Marke von 500.000 Todesopfern überschreiten, bald werden zehn Millionen Menschen positiv auf das Coronavirus getestet sein. Die Führung in Peking hat eine Bringschuld.

Freilich, die WHO ist alles andere als eine perfekte Organisation und WHO-Generalsekretär Ghebreyesus hat während seiner Amtszeit einige schwere Fehler gemacht. Aber die WHO ist die einzige internationale Organisation, die eine globale Antwort auf ein globales Problem finden kann.

Beim EU-China-Gipfel gab es Einigkeit, dass Europa und China bei der Pandemie-Abwehr enger zusammenrücken wollen. Ob die USA bereit sind, eine konstruktive Rolle zu spielen, wird sich erst nach den Wahlen am 3. November zeigen.

Die Corona-Krise hat bisher demonstriert, dass der Menschheit das planetare Bewusstsein fehlt, das sie zur Bewältigung globaler Herausforderungen braucht.