Einer der einflussreichsten Essays in der Zeit, in der Europa in den Shutdown ging, trug den Titel "Hammer und Tanz". Der in Frankreich geborene Autor Tomas Pueyo beschrieb in dem millionenfach geteilten Online-Artikel sehr anschaulich die Shutdown- und Lockdown-Strategie: Auf eine kurze Zeit aggressiver, hammerharter Einschnitte - Bewegungseinschränkungen, Versammlungsverbote, Schul- und Betriebsschließungen - folgt eine längere Periode eines delikaten, subtilen Tanzes, ein behutsames Wiederhochfahren des öffentlichen Lebens unter genauer Beobachtung der Infektionszahlen.

Der Hammer ist in Österreich früh genug und mit Wucht niedergegangen. Damit konnte das Gesundheitssystem davor geschützt werden, an der Kapazitätsgrenze zu schrammen. Es gab die ganze Zeit hindurch mehr als genug Reservekapazitäten. Der gemeinsame Kraftakt hat sich gelohnt: Zigtausende Menschenleben konnten mit dieser harten Maßnahme gerettet werden.

Am 14. April hat mit der schrittweisen Öffnung der Geschäfte die Phase des Tanzes begonnen.

Zuerst war der Tanz ganz zart, doch in den vergangenen Wochen wurde der Rhythmus schwungvoller, die Tanzbewegungen wurden energischer. Aber die spielerische Choreografie des Tanzes, der auf den Hammer folgt, erfordert Improvisation, Agilität, Reaktionsschnelligkeit und Flexibilität. Und es geht um Balance. Balance zwischen der Wiederherstellung von Normalität - so gut das unter den gegebenen Umständen möglich ist - und dem größtmöglichen Schutz vor dem Coronavirus.

Zwei Schritte vorwärts, ein Schritt zurück. Tomas Pueyo nennt das den "Tanz des R" - die Reproduktionszahl "R" muss unter 1 bleiben, also ein an Covid-19 Erkrankter darf maximal einen weiteren anstecken. Steigt die Zahl "R" über eins, dann kommt es wieder zu einer exponenziellen Verbreitung. Denn auch wenn Europa die erste Welle vorerst überstanden hat, ist weiter äußerste Vorsicht angezeigt. Erst recht, da nach dem Überschwang der ersten Öffnungsphase nun der schwierige Part kommt, wieder ein wenig Tempo und Dynamik aus dem Tanz zu nehmen. Seit Wochen appelliert Gesundheitsminister Rudolf Anschober an die Menschen, weiterhin freiwillig die Maske zu tragen. Er erinnert an die Hygieneregeln und beschwört auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit die kuriose, aber eingängige Babyelefant-Abstandsregel. Also: Maske auf, Sicherheitsabstand wahren, Hände waschen.

Von der 2009 verstorbenen grandiosen deutschen Choreografin Pina Bausch stammt der Satz: "Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren." Die Worte von Pina Bausch bekommen heute eine ganz neue, eigenartige
Bedeutung.