Wer Freund und Feind in der Politik verwirren will, der muss gar nicht lügen oder leugnen. Es reicht, wenn er die Nachrichtenkanäle mit Nebensächlichem flutet. Dann sind wir "overnewsed but underinformed". Am Ende verlieren die Menschen den klaren Blick auf Themen und Probleme.

An Beispielen aus der Gegenwart besteht kein Mangel. So konnte man in den jüngsten Tagen den Eindruck gewinnen, es bestehe ein Zusammenhang zwischen der Milliarden-Pleite des Zahlungsdienstleister Wirecard mit der Ibiza-Affäre. Tatsache ist, dass die beiden vermutlichen Haupttäter, die ehemaligen Wirecard-Vorstände Markus Braun und Jan Marsalek, Österreicher sind und von den Spitzen der Republik quer durch die Parteien hofiert wurden. Der flüchtige Marsalek hat darüber hinaus offensichtlich einen Hang zu dubiosen Projekten entwickelt. Im Kern geht es hier jedoch um einen Fall von Bilanzfälschung und Betrug und die Frage des Versagens von Prüfern und Behörden. Bei allem Respekt vor ÖVP, FPÖ, SPÖ und Neos, aber wer von diesen wann einen Kaffee mit Marsalek oder Braun getrunken hat, ist im Fall der Aufklärung der Wirecard-Pleite eher unbedeutend.

Genau so verhält es sich auch mit der brennend interessanten Frage, wer von Österreichs Spitzenpolitikern über einen Laptop verfügt - oder eben nicht. Der Auftritt von Finanzminister Blümel vor dem U-Ausschuss mit seinen 86 Hinweisen auf fehlende Erinnerungen kann getrost als eine bewusste Provokation bewertet werden, dass die veröffentlichende Republik auch drei Wochen später noch nach Politikern ohne Laptop fahndet, ist ein Zeichen mehr als seltsamer Prioritätensetzung.

Oder die drängendste EU-Frage. Mit dem Wiederaufbaufonds steht Europa vor einem neuen Integrationsschritt. Erstmals sollen die EU-27 gemeinsam für Schulden haften, auf dass die am ärgsten von der Corona-Krise getroffenen Staaten neben Krediten auch nicht-rückzahlbare Zuschüsse erhalten. Das wird zumeist unter dem Schlagwort "Solidarität: Ja oder nein?" diskutiert. Tatsächlich bekennen sich sämtliche Akteure zur Wiederaufbauhilfe. Der Konflikt dreht sich in der politischen Wirklichkeit um die Frage, welche Kontrolle über die vertragsgemäße Verwendung der Mittel im Gesamtumfang von 750 Milliarden Euro für die haftenden und zahlenden Nationalstaaten vorgesehen ist.

Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Eine der wichtigsten Aufgabe unabhängiger Medien ist es, den Lesern eine klare Unterscheidung von Wichtigem und Unwichtigem zu ermöglichen. Nur so ist Demokratie überhaupt möglich.