Fast ein Drittel der Österreicher ist in Sachen Coronavirus anfällig für Verschwörungstheorien. Diesen Schluss zieht das Market Institut, da bei einer Umfrage 32 Prozent die Aussage bejahten, wonach es "bei den Maßnahmen gegen die Corona-Krise um etwas ganz anderes geht als das, was Politik und Medien sagen". Das kann man so sehen. Aber wo beginnen Verschwörungstheorien? Ein Beispiel: Der britische Premier Boris Johnson wehrte sich zu Beginn der Pandemie tagelang gegen einen Lockdown, er ließ Berater von einer "Herdenimmunität" fabulieren, ehe doch, wie fast überall, die Wirtschaft heruntergefahren wurde. Wochen später stritt eben dieser Berater ab, dass es jemals einen Herdenimmunitätsplan der Regierung gegeben habe. Mag sein, dass die britische Öffentlichkeit einfach tagelang alles missverstand, vielleicht aber ging es damals auch um ganz was anderes, als die Politik damals gesagt hat. Etwa um Druck aus der Wirtschaft. Wäre das schon eine Verschwörungstheorie?

Unstrittig ist, dass es auch bei dieser Pandemie nur kurz dauerte, ehe abstruse Thesen über das Virus das Internet fluteten, auch wenn sie teils den Gesetzen der Logik widersprachen. Dass es das Coronavirus gar nicht gebe, es aber von Bill Gates in die Welt gesetzt worden sei, weil er so gerne alle Menschen impfen wolle, geht sich irgendwie nicht aus.

Diese Verschwörungstheorien sind ein Problem, wirksame Gegenmittel scheinen schwieriger zu finden zu sein als jene gegen das Virus selbst. Aber es wäre wichtig, zu verstehen, was dahintersteckt. Woher kommt dieses Misstrauen, dass wilden Theorien von Obskuranten eher geglaubt wird als offiziellen Stellen? In Deutschland sorgte eine Demo von mutmaßlich 20.000 "Corona-Leugnern" für Irritationen. Aber waren es wirklich allesamt "Leugner"? Vielleicht protestierten einige, die von den Maßnahmen besonders betroffen sind, etwa kleine Gewerbetreibende in existenziellen Nöten. Das Misstrauen könnte auch von einem empfundenen Wirrwarr herrühren. So wurde der Maske anfangs nur geringe Relevanz beigemessen, nun eine große. Das verwirrt, auch wenn es für die Richtungsänderung gute Gründe gibt.

Dass hinter einer Skepsis bis hin zur "Flucht" in Verschwörungstheorien da und dort verteilungspolitische Konflikte und auch ein Manko an Erklärung und Transparenz seitens der Politik stehen könnten, sollte eine Überlegung wert sein. Misstrauen kann verschiedene Ursachen haben und eine Verschwörungstheorie auch nur ein Symptom sein. Besser zu verstehen, warum solche Thesen geglaubt werden, könnte auch beim Finden eines Gegenmittels besser geeignet sein, als alle pauschal zu "Leugnern" oder "Covidioten" zu erklären.