"Gürtelfrische West", schwimmende Gärten, kühle Straßen, autofreie Innenstadt. Die Schlagzahl von Ankündigungen von "Interventionen" im öffentlichen Raum der Stadt nimmt zu - kein Wunder, für den 11. Oktober sind für Wien Landtags- und Gemeinderatswahlen angekündigt. Was aber freilich nicht bedeuten muss, dass diese Projekte nichts als Wahlkampfgags sind. Die "Gürtelfrische West" ist zum Beispiel Teil eines erfolgreichen Stadtmarketings. "Wie unfassbar cool Wien mit einer Straßenkreuzung umgeht", titelte die "Berliner Zeitung" und bejubelte das Projekt: "Man fasst es nicht hier in Berlin. Wien, du hast es einfach besser."

Während Berlin jubelt, ist in Wien freilich sowohl Umsetzung als auch Finanzierung des Projekts nicht unumstritten.

Es mag bei diesem Projekt offene Fragen geben, der Grundgedanke der "Gürtelfrische West" ist richtig: Im Zentrum stadtplanerischer Überlegungen sollen Citoyens stehen und nicht Autos.

In den verkehrsberuhigten Zeiten der Corona-Pandemie wurde vielen Stadtbewohnerinnen und -bewohnern erst bewusst, wie schlimm die Lärmbelästigung durch den motorisierten Verkehr und wie unangenehm der Gestank der Auto-Abgase in der Stadt ist.

Covid-19 hat einen weiteren Effekt: Denn Städte sind Petrischalen der Pandemie. Was bleibt von der flirrenden, quirligen, inspirierenden Großstadt, wenn das öffentliche Leben durch die Pandemie weitgehend stillgelegt wurde? Darauf müssen Städte reagieren, wollen sie nicht à la longue an Attraktivität einbüßen.

Stadtplaner denken aber auch heute schon an die Zeit nach Corona. Klar ist: Das Automobil wird weiter an Stellenwert einbüßen. Es ist heute kaum mehr verständlich, warum einige der schönsten Straßen und Plätze zugeparkt sind und warum dem Auto dermaßen viel Platz auf Verkehrsflächen zugebilligt wird, während Radfahrer und Fußgänger auf schmale Streifchen zusammengepfercht werden. Aufgrund der drohenden Klimakatastrophe werden zigtausende Baumpflanzungen notwendig sein, um die Hitze in der Stadt in den Griff zu kriegen. Bäume statt Parkplätze, wer kann da etwas dagegen haben?

Durch den Vormarsch der Elektromobilität gibt es die einmalige Chance, dass in den kommenden Jahrzehnten Lärmbelästigung und Luftverschmutzung in den Städten drastisch reduziert werden.

Doch der Konflikt um öffentlichen Raum und Verkehrsflächen wird dadurch nicht gelöst.

Daher ist ein neues Verkehrskonzept gefragt, bei dem der zur Verfügung stehende städtische Raum gerechter verteilt wird.

Projekte wie "Gürtelfrische West", schwimmende Gärten, kühle Straßen, autofreie Innenstadt sind Schritte in Richtung einer lebenswerteren Stadt.