Immerhin: Dass es keinen zweiten Lockdown geben wird, davon darf nach den beiden Erklärungen von Bundeskanzler Kurz und Gesundheitsminister Anschober ausgegangen werden. Wer ein Gefühl dafür hat, welche im Grunde genommen immer noch nicht überwundenen wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen die verordnete weitgehende Schließung des öffentlichen wie wirtschaftlichen Lebens im Frühjahr verursacht hat, konnte das allerdings auch vorher schon erahnen. Kein Staat, der etwas zu verlieren und zu verteilen hat, kann sich einen zweiten Shutdown leisten.

Die gute Nachricht ist, dass nach allem, was wir derzeit über die Entwicklung der Pandemie wissen, ein zweiter Lockdown auch sachlich nicht gerechtfertigt ist. Zwar steigt die Zahl der Infizierten seit dem Sommer - und wird im Herbst und Winter weiter anwachsen. Allerdings ist - Stand jetzt jedenfalls - Covid-19 nur noch in Ausnahmefällen eine tödliche Krankheit, die Sterbefälle sind weitgehend stabil. Und auch die Zahl der hospitalisierten und intensivmedizinisch behandelten Patienten bleibt meilenweit unter jener Grenze, die das Gesundheitssystem auch nur an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit bringen könnte.

In eine andere Kategorie fallen die Zukunftsdeutungen von Kanzler und Gesundheitsminister. Kurz verheißt einen normalen Sommer 2021, Anschober rechnet mit ersten Impfungen mit neu entwickelten Corona-Impfstoffen - der Plural ist hier von Relevanz, weil es wohl mehrere Wirkstoffe geben wird - bereits ab Jänner. Die Erfahrung lehrt, dass Politiker generell schlechte Propheten sind, einfach weil ihre Vorhersagen stärker von ihrer Position und ihren Interessen bestimmt werden als von ihrer Interpretation wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Wer dies berücksichtigt, der erkennt, wie sehr die Regierung auf eine weitgehend disziplinierte Einhaltung der Corona-Regeln - Abstand halten, Mund-Nasen-Schutz - hofft, um die Volkswirtschaft halbwegs unbeschadet durch den kommenden Herbst und Winter zu bringen. Denn auch wenn alle unter dem Eindruck der Pandemie von der Rückkehr des Primats der Politik reden, weiß keiner besser als die Regierung, dass es eben doch die nationale, europäische und globale volkswirtschaftliche Entwicklung ist, welche der Politik die mittel- und langfristig entscheidenden Rahmenbedingungen für ihr Handeln diktieren.

Um dieses übergeordnete Ziel zu erreichen, wird die Regierung wohl auch einzelne Lockerungen schon demnächst für die kalte Jahreszeit wieder zurücknehmen. Der grundsätzliche Optimismus der Koalition soll den Unmut darüber so klein wie möglich halten.