Es war also wieder ein Nervengift aus der Gruppe Nowitschok, ganz wie im März 2018, als der russische Ex-Agent Sergej Skripal und dessen Tochter Julia im englischen Salisbury bewusstlos auf einer Parkbank aufgefunden wurden. Und das Opfer war, wie schon so oft, erneut ein Gegner des russischen Präsidenten Wladimir Putin: Alexej Nawalny, ein ständiger Quälgeist des Kreml; einer, der wegen seiner Aufdeckervideos vielen in Russland ein Dorn im Auge ist. Einer auch, dessen Aktionsradius Russlands Elite in Zeiten von Protesten im Osten des Landes, einer schwachen Wirtschaft und sinkenden Zustimmungsraten für Putin wohl gerne eingeschränkt sähe. Außerdem wäre Nawalny nicht das erste Opfer krimineller Kreise in Russland, wenn man etwa an die Ermordung des Kreml-Kritikers Boris Nemzow oder der Journalistin Anna Politkowskaja denkt.

Gerhard Lechner ist Außenpolitik-Redakteur der "Wiener Zeitung".
Gerhard Lechner ist Außenpolitik-Redakteur der "Wiener Zeitung".

Dennoch hat der Fall Nawalny - nicht nur wegen des raren Nervengifts, das auf einen Staat als Auftraggeber verweist - etwas Mysteriöses. Wie bei Skripal, wie im Fall des ermordeten Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko wurde mittels aufsehenerregender Giftstoffe geradezu eine Autobahn an Spuren Richtung Kreml ausgelegt, die nicht nur dem Image im Westen Schaden zufügen. Und das zu einem für Russland denkbar ungünstigen Zeitpunkt, nämlich noch vor der Fertigstellung der Pipeline Nord Stream 2. Kann ausgerechnet der kühle Rechner Putin, wird vor allem im Internet gefragt, wirklich so blöd sein, mit einer solchen Aktion seinen wichtigen Wirtschaftspartner Deutschland zu vergraulen?

Manche gehen so weit, die Vergiftung Nawalnys nach russischem Muster entweder ganz anzuzweifeln oder einem westlichen Geheimdienst in die Schuhe zu schieben. Schließlich seien es die USA, die vom Anschlag profitierten. Der Vertrauensverlust breiter Kreise in die westlichen Eliten, der in der Corona-Krise wieder offenbar wurde, zeigt sich auch im Fall Nawalny.

Eben deshalb ergibt es für Russland aber durchaus Sinn, den Kreml-Kritiker gerade jetzt auszuschalten. Weil das Attentat so offensichtlich widersinnig ist, streut es im Westen weiter Zweifel an allem, was in der offiziellen Presse und von offiziellen Stellen verlautbart wird. Wie die Corona-Krise gezeigt hat, ist das Vertrauen ins politische System bei vielen nicht mehr vorhanden. Und Vertrauen ist ein politisches Kapital - so sehr wie Misstrauen für Russland eine Waffe im Infokrieg gegen den Westen ist. Dort werden jetzt freilich die Stimmen lauter, die endlich harte Konsequenzen fordern: Einmischung in Wahlen, Vergiftung von Kritikern, die Annexion der Krim - das Sündenregister des Kreml sei zu lang, als dass man weiter generös darüber hinwegsehen könne, heißt es.