Wer hätte das gedacht? Auf dem Höhepunkt der Covid-19-Krise hat es so ausgesehen, als könnte Europa am Virus zerbrechen: Grenzschließungen, Ausfuhrsperren von Beatmungsgeräten, medizinischer Schutzausrüstung, PCR-Testreagenzien und -Analysegeräten. Wo man europäische Koordination erwartet hätte, gab es stattdessen nationale Alleingänge.

Russland und China spielten in Italien (aber nicht nur dort) PR-trächtig Retter in höchster Not, während die Bürgerinnen und Bürger sich die Frage stellten: Wo bleibt eigentlich die EU?

Aber: Gesundheitspolitik ist in Europa bisher vor allem auf nationaler Ebene angesiedelt. Während das Center for Disease Control (CDC) in den USA im Jahr 2019 über ein Budget von 5,7 Milliarden Dollar verfügte, hatte das EU-Pendant im selben Jahr gerade einmal 57,2 Millionen Euro im Haushaltsplan. In ihrer Rede zur Lage der Europäischen Union am Montag forderte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen folgerichtig eine europäische Gesundheitsunion.

Nun ist ein halbes Jahr vergangen, seit weite Teile Europas einen Pandemie-Shutdown verhängt haben, und heute gibt es Anlass zur Hoffnung, dass die Europäische Union gestärkt aus dieser Krise hervorgehen könnte.

Denn der drohende wirtschaftliche Kollaps Europas hat die politischen Eliten Europas zusammenrücken lassen. Das hat zum Beschluss geführt, dass die Europäische Union erstmals eigene Schulden auf den Finanzmärkten aufnehmen kann. Zur Tilgung könnten dann erstmals auch europäische Steuern eingehoben werden. Ein Schritt, der Brüssel enorm stärken würde.

Nach Jahren des Austeritätsgezänks wird nun über einen New Green Deal diskutiert. Schon heute hat Europa in puncto Klimaschutz weltweit die Nase vorn, die EU-Kommission möchte aber, dass dieser Vorsprung weiter ausgebaut wird. Die EU-Kommissionspräsidentin kündigte in ihrer Rede jedenfalls ambitionierte Klimaziele an: Der Ausstoß von Treibhausgasen soll bis 2030 um mindestens 55 Prozent unter den Wert von 1990 gebracht werden - bisher lautet das offizielle Ziel minus 40 Prozent. Eine derart radikale Abkehr von fossilen Energieträgern würde Europa auch geopolitisch stärken: Denn damit würden Russland jedes Jahr Milliarden Euro entgehen und Moskaus Einfluss in Europa würde massiv schwinden. Europäische Technologieführerschaft bei Umwelt- und modernen Energietechnologien ließe sich zudem in geopolitisches Kapital ummünzen.

In der Covid-Krise folgte die Europäische Union dem Ratschlag des früheren Stabschefs von US-Präsident Barack Obama, Rahm Emanuel- und das ist gut so. Emanuel sagte: "Never let a serious crisis go to waste." ("Verschwende keine Krise.")