Schadenfreude ist ein großer Gleichmacher. Selbst Menschen, die sich intellektuell und moralisch gerne über andere erheben, erliegen diesem Glück am Unglück anderer. Bei der Nachricht vom positiven Corona-Test Donald Trumps schien es, als ob sogar Wissenschafter plötzlich an eine höhere Macht glaubten, die nun für ausgleichende Gerechtigkeit gesorgt habe. Davon abgesehen kam eine Lawine entsprechender Kommentare zum Schluss, dass dem US-Präsidenten, der sich selbst gerne auch als "extrem stabiles Genie" bezeichnet, schon recht geschehe.

Abgesehen von dieser kleingeistigen Betrachtung, wirft die Infektion Donald und Melania Trumps sowie deren Isolation im Weißen Haus eine Reihe weitreichender Fragen auf. Eine betrifft die Gesundheit des US-Präsidenten: Am Freitag wurde nur von leichten Symptomen Trumps berichtet, doch mit 74 Jahren und einigem Übergewicht zählt er zur gefährdeten Risikogruppe.

Trumps demonstratives Herunterspielen der Pandemie und seine Weigerung, sich an die Sicherheitsmaßnahmen seiner Experten zu halten, haben nun zur Folge, dass das Virus die Regierungsfähigkeit der mächtigsten Nation gefährden könnte: Er hat auch dann noch seinen Terminkalender in- und außerhalb Washingtons abgearbeitet, als bekannt war, dass bei einer seiner engsten Vertrauten der Verdacht einer Infektion bestand, der sich später als Faktum herausstellte. Dieses Ausmaß an Leichtsinn erfüllt locker den Tatbestand massiver Verantwortungslosigkeit.

Über allem aber schwebt nun die Frage, wie der positive Corona-Test die Dynamik und Richtung der entscheidenden Phase des US-Wahlkampfs verändern wird. Außer Zweifel steht, dass damit die Pandemie und ihre Folgen für das Land wieder zurück an der Spitze der Themen sind. Zuletzt war die Krise ja nur eines von mehreren weiteren heiß umstrittenen Themen. Dafür redet vorerst keiner mehr über die Steuern, die Trump bezahlt hat oder eben nicht.

Auch sind einmal mehr alle Scheinwerfer auf den Amtsinhaber gerichtet. Angesichts des knappen Rennens in etlichen Swing-States könnte dies Trump die Plattform für einen Strategiewechsel geben, wie ihn etwa der britische Premier Boris Johnson nach seiner Corona-Erkrankung hingelegt hat. So unwahrscheinlich das klingt: Trump hat klargemacht, dass er bereit ist, einem Wahlsieg am 3. November viel, wenn nicht alles unterzuordnen. Das Virus bietet ihm jetzt eine weitere Chance. Die Frage ist, ob er überhaupt anders könnte, wenn er wollte. Die ehrliche Antwort lautet: Wir wissen es nicht. Klar ist nur: Schadenfreude macht blind.