"Qui non est hodie cras minus aptus erit", schmetterte FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl am Mittwoch Finanzminister Gernot Blümel im Nationalrat entgegen. Das Zitat stammt vom römischen Dichter Ovid, den Blümel angeblich zum Ausgleich gerne in der Mittagspause liest, und bedeutet übersetzt: Wer heute nicht geeignet ist, wird es morgen noch weniger sein.

Möglicherweise hat sich Norbert Hofer, der Dritte Nationalratspräsident und formal eigentlich der FPÖ-Chef, kurz gefragt, ob das Zitat nicht auch auf ihn gemünzt ist. Dass die Freiheitlichen nach der Selbstentblößung ihrer ehemaligen Spitze auf Ibiza schon wieder - oder richtiger: immer noch - ein politischer Faktor sind, haben sie Kickl zu verdanken (und den Fehlern der Konkurrenz). Der Ex-Innenminister verfügt über das strategische Können, die rhetorische Schärfe sowie die notwendige Rücksichtslosigkeit, um die Blauen als Sammelbecken aller Unzufriedenen und Enttäuschten zu positionieren.

Von daher sollte sich die politische Konkurrenz vom Ergebnis der Wien-Wahl am Sonntag nicht täuschen lassen: Das Ausmaß des Absturzes - Umfragen prognostizieren der FPÖ den Verlust von zwei Dritteln ihrer Wähler - spiegelt die tatsächliche Stärke nicht wider. Da ist mit Dominik Nepp ein farbloser Spitzenkandidat, der von der Bundespartei im Angesicht des Debakels allein gelassen wird. Vor allem aber fischt mit Heinz-Christian Strache der langjährige blaue Superstar jetzt auf eigene Rechnung - politisch wie finanziell - im freiheitlichen Stimmenteich.

Ausschlaggebend für die relative Gelassenheit, mit der die FPÖ trotz ihres Absturzes am Sonntagabend in die Zukunft blicken kann, ist der Umstand, dass ihre Themen weiter Hochkonjunktur haben. Im Moment ist sie die einzige Stimme, die jene rund 20 bis 35 Prozent vertritt, die die Gefahren des Coronavirus für übertrieben oder sogar für pure Erfindung geheimnisvoller Mächte halten. Und ist die eigentliche Pandemie einmal im Griff, wird die wirtschaftliche Bewältigung der Folgen Jahre dauern. Zwecks Abwechslung können darüber hinaus jederzeit Flucht und Migration im typischen Ton thematisch hochgezogen werden.

Eine Kickl-FPÖ braucht sich um ihre allfällige Regierungsfähigkeit nicht zu kümmern. Die ÖVP ist auf absehbare Zeit von dieser Versuchung befreit. Bleibt die Frage, ob es innerhalb der FPÖ Widerstand gegen diesen radikalisieren Kurs geben wird. In Oberösterreich amtiert etwa ein FPÖ-Politiker als Landeshauptmann-Stellvertreter - 2021 wird dort ein neuer Landtag gewählt. Und Norbert Hofer wird sich auch einmal grundsätzlich zu Wort melden müssen.