Der islamistische Terror ist in Wien angekommen. In aller Brutalität, nicht nur in Form von Verdachtsmomenten, Verbindungen und Befürchtungen. Sondern real und blutig.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".
Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Nüchtern betrachtet war das früher oder später zu erwarten, wenn überall sonst auf der Welt und in Europa Fanatiker zu den Waffen greifen und Menschen töten, um Furcht und Chaos zu säen. Und trotzdem steht Österreich seit Montagabend unter Schock. Es ist ein Unterschied, wenn Experten die Gefahr eines Terroranschlags bewerten oder wenn tatsächlich die Straßen abgeriegelt werden, wenn über Opfer berichtet und Tote und Verletzte gezählt werden müssen.

In diesem Moment dauert der Polizeieinsatz in Wien immer noch an, die Menschen sind aufgefordert, wenn möglich, zu Hause zu bleiben, die Schulpflicht ist für diesen Dienstag aufgehoben.

Viel mehr, als dass alle bisher bekannten Indizien auf einen geplanten und vorbereiteten islamistischen Anschlag hinweisen, ist über die Hintergründe der Tat noch nicht bekannt. Auch nicht die Zahl der Täter und schon gar nicht die Tiefe und Größe ihres allfälligen Netzwerks. Mehrere Wohnungen wurden bereits durchsucht, mögliche Mitwisser, Mittäter oder Helfer in Gewahrsam genommen. Allen Hinweise, allen Informationen gilt es jetzt akribisch nachzugehen und dort, wo dies geboten und möglich ist, mit der vollen Härte der österreichischen Gesetze zu handeln.

Doch in Wirklichkeit ist das nur die kleinere, die geringere Aufgabe. Die sehr viel größere dreht sich darum, diesen Gewaltausbruch als Gesellschaft zu verarbeiten und den Strukturen wie Milieus, die diesen womöglich erst ermöglicht, unterstützt und vielleicht sogar gefördert haben, auf den Leib zu rücken und den Kampf anzusagen.

Dazu muss klar sein, was wir als Gesellschaft verteidigen, wo die Roten Linien verlaufen und was keinen Platz in unserer Mitte finden darf. Je klarer wir den Gegner benennen, desto erfolgreicher wird diese Wehrhaftigkeit sein. Je verschwommener wir das Ziel fassen, je mehr wir verallgemeinern, poltern, in einen Topf werfen oder uns im Ungefähren und Vagen verlieren, desto erfolgloser wird dieses Zur-Wehr-Setzen sein.

Das ist eine Prüfung, die auf uns als Staat, als Politiker, als Regierung, als nationale wie europäische Gemeinschaft – und darüber hinaus! - zukommt. Und sie wird noch lange nicht vorbei sein, wenn die Corona-Pandemie bereits vorbei sein wird.