"Ehrlich gesagt, wir haben gewonnen", sagte der republikanische US-Präsident Donald Trump am Mittwochmorgen nach geschlagener Wahl vor Anhängern im Weißen Haus. Zuvor hatte der Demokrat Joe Biden seine Anhänger um Geduld gebeten: Er sei auf Kurs, die Wahl zu gewinnen. Erhärten sich die derzeitigen Trends der Briefwahlstimmen, die nun ausgezählt werden, dann könnte Biden recht behalten. Doch am Horizont lauert ein hässliches Gezerre um den Wahlsieg vor den Gerichten.

Die wohl schrillste und feindseligste Wahlkampagne der jüngeren US-Geschichte ging vor dem Hintergrund der Black-Lives-Matter-Proteste und der Corona-Pandemie über die Bühne, Donald Trumps TV-Auftritte grenzten ans Surreale. Die Mobilisierung beider Lager hat zwar zu einer Rekord-Wahlbeteiligung geführt, zugleich aber eine polarisierte Gesellschaft weiter auseinandergerissen: Der Demokrat Joe Biden konnte 55 Prozent der Stimmen von Frauen einsammeln, während er nur 47 Prozent der Männer überzeugen konnte. Trump wählten 64 Prozent der weißen Arbeiter, Biden bekam 60 Prozent der Stimmen weißer Frauen mit höherem Schulabschluss. Bei Afroamerikanern und Latinos haben die Demokraten die Nase vorne.

Und während Joe Biden versucht hat, eine breitere Koalition auf die Beine zu stellen, hat Trump sich ganz auf den strukturellen Vorteil für die Republikaner - das antiquierte Wahlmännersystem - verlassen - und hofft nun, dass ihm ein Griff in die politische Trickkiste die Präsidentschaft bringt. Seine Idee, die Zählung der Briefwahlstimmen - die ihm möglicherweise die Niederlage bescheren könnten - sofort einzustellen, ist nichts weiter als ein Beweis seiner bananenrepublikanischen Gesinnung - dass es dazu kommt, kann man aber so gut wie ausschließen.

Doch selbst wenn Trump die Wahl gewinnt: Die historisch guten Ergebnisse der Demokraten in Arizona, Georgia und Texas sind Vorboten einer Zukunft, in der diese Bundesstaaten im Südwesten der USA aufgrund des demografischen Wandels langsam aber sicher in die Tabellenspalte der Demokraten wandern.

Dieser Trend birgt eine Chance: Denn mit dieser Entwicklung können sich die Republikaner nicht mehr länger auf den Vorteil, den ihnen das Wahlsystem beschert, verlassen. Sie müssten in der Post-Trump-Ära (ob nach dieser Wahl oder bei einem Trump-Wahlsieg wohl erst in vier Jahren) wieder stärker in die Mitte rücken. Eine weitere Polarisierung wäre ohnehin eine Gefahr für die Stabilität des Landes.

Im Moment gibt es in den USA jedenfalls zwei Sieger und einen Verlierer: Trump und Biden beanspruchen beide die Präsidentschaft für sich. Verlierer: die Vereinigten Staaten von Amerika.