Es hat viele sehr gute Gründe gegeben, Donald Trump nicht zu wählen. In den vergangenen vier Jahren hat der 45. Präsident der USA einen Keil zwischen die Menschen in seinem Land getrieben, er hat polarisiert, gehetzt und gelogen. Trump hat Randgruppen noch weiter an den Rand gedrängt und er hat das Vertrauen in Wissenschaft und Medien massiv unterminiert. Auf der internationalen Bühne hat der New Yorker Immobilien-Tycoon jahrzehntealte Allianzen gesprengt und die engsten Verbündeten vor den Kopf gestoßen. Und in der Corona-Krise war Trump vor allem an seinem eigenen politischen Fortkommen interessiert, mit welchen Strategien und Methoden man die Zahl der Infizierten und Toten niedrig hält, spielte für ihn dagegen kaum eine Rolle.

Die unglaubliche Wucht und Andersartigkeit, mit der diese Präsidentschaft über die USA und die Welt hereingebrochen ist, hat allerdings in vielen Fällen den Blick dafür verstellt, dass Trump nicht nur aus Sicht seiner allerengsten Anhänger massiv geliefert hat. Vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie lag die Arbeitslosen-Quote bei 3,5 Prozent,

die Gehälter der Arbeiter und Angestellten im Niedriglohnsektor waren pro Jahr um fast 5 Prozent gewachsen und die wichtigsten US-Aktien-Indizes haben seit seinem Amtsantritt um fast die Hälfte zugelegt. Und Trump hat nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht geliefert. Mit der Ernennung der konservativen Abtreibungsgegnerin Amy Coney Barrett zur Höchstrichterin hat der Präsident auch gezeigt, dass er die Wünsche der extrem wichtigen Gruppe der evangelikalen Christen durchsetzen kann.

Fast noch bedeutender als all das dürfte aber sein, dass es Trump verstanden hat, das Amerika jenseits von Silicon Valley und der liberalen Ostküsten-Metropolen zum Vorbild zu erheben und die dort grassierenden Stimmungen zu verdichten: Dass es in Ordnung ist, konservative Wertvorstellungen zu haben und sich nicht um gendergerechte Sprache zu kümmern. Dass es okay ist, eine Waffe zu tragen und gegen die Mexikaner zu sein, die amerikanische Jobs stehlen. Und dass es guttut, sich als echter Mann auch wie ein solcher zu benehmen - frauenverachtender
Locker-Room-Talk inklusive.

Trump hat dieser gar nicht so homogenen Gruppe aber nicht nur eine Stimme gegeben. Mit seiner Präsidentschaft hat er auch dafür gesorgt, dass sie als politischer Faktor selbst dann bedeutend bleibt, wenn er nicht mehr im Amt ist. Konzessionen an die andere Seite werden die Trumpisten dabei wohl keine machen. Wie man mit dieser Gruppe umgeht und sie eventuell sogar versöhnt, wird also die große Aufgabe von Joe Biden werden, wenn er ins Weiße Haus einzieht.