Es ist bemerkenswert und ärgerlich, wie das Land in eine Schulschließungsdebatte regelrecht hinein schlafwandelte. Seit Tagen ist sie voll ausgebrochen, und sie wird mit zwar nachvollziehbarer, aber wenig zielführender Emotionalität geführt. Argumente werden nicht besser, wenn sie lauter und apodiktischer vorgetragen werden. Das passiert derzeit aber. Doch wie kommen Kinder dazu, also ausgerechnet jene Gruppe, die von Covid-19 wenig betroffen ist, dass man ihnen Gedeih und Verderb der Gesellschaft überantwortet?

Das hätte nicht so kommen müssen und auch nicht so kommen dürfen. Dass Kinder, vor allem Kleinkinder, selten ernstlich erkranken, ist seit dem Frühsommer bekannt. Ebenso auch die virologische Erkenntnis, dass Kinder im Fall einer Infektion in etwa die gleich hohe Virusmenge aufweisen. Unsicher war, welche Rolle Kinder tatsächlich im Infektionsgeschehen spielen, da fast überall Schulen aufgrund von Erfahrungen bei der Influenza rasch geschlossen wurden.

Die Datenlage dazu ist seither besser geworden, Eindeutigkeit gibt es aber nicht. Mit Unsicherheiten muss die Politik aber umgehen können.

Was immer klar war: Klassenräume stellen, etwas überspitzt gesagt, eine ähnliche Umgebung dar wie Après-Ski-Bars, Call-Center oder religiöse Räume, wo es zu vielen Superspreadings gekommen ist. Es ist durchaus plausibel, säßen in den oft schlecht belüfteten, vollen Schulklassen keine Kinder, sondern lauter Erwachsene, dass es dort viel öfter zu solchen Massenansteckungen kommen würde. Der Umkehrschluss, dass Kinder in den Schulen gar keine Rolle im Infektionsgeschehen spielen, ist aber reines Wunschdenken.

Die Politik hat sich jedoch viel zu sehr mit der Frage beschäftigt, wie im Fall von Infektionen vorgegangen werden soll, viel zu wenig damit, wie das Übertragungsrisiko gemindert werden kann. Geteilte Klassen? Unterschiedliche Beginnzeiten? Zusätzliche Klassenräume? Mobile Lüftungssysteme? Es ist ein schweres Versäumnis, sich mit diesen Fragen kaum beschäftigt zu haben.

Ebenso wäre ausreichend Zeit gewesen, die gesellschaftspolitische Frage nach Schulschließungen, wenn sie denn tatsächlich epidemiologisch notwendig sein sollten, in aller Ruhe zu diskutieren, Kosten und Nutzen der Maßnahme gegenüberzustellen und sich auch begleitende Maßnahmen zu überlegen. Zum Beispiel spezielle Förderungen für jene Schülerinnen und Schüler, die besonders große Bildungsverluste zu erleiden drohen.

Sollte es nun doch zu Schließungen kommen, wäre eine Verlängerung des Schuljahres, also quasi eine Vorverlegung der Ferien auf jetzt, auch eine Option. Angenehm wäre das nicht, aber das sind Ausgangssperren auch nicht.