Es war am 3. Jänner 2020 um 13.30 Uhr, als eine Metallbox ins Shanghai Public Health Clinical Center geliefert wurde. Darin: ein bei minus 78,5 Grad Celsius in Trockeneis gelagertes Teströhrchen mit dem Rachenabstrich eines Patienten aus Wuhan, der an einer neuen, hochgefährlichen Lungenkrankheit litt. Professor Zhang Yongzhen machte sich an die Arbeit. Er sequenzierte das Genom des Sars-CoV2-Virus bis
5. Jänner, 2 Uhr, lud noch am selben Tag die Gen-Sequenz in die Genom-Datenbank und stellte sie am 11. Jänner öffentlich ins Netz, damit Virologen in aller Welt beginnen konnten, Testkits und Reagenzien herzustellen und sich einen Eindruck zu verschaffen, womit die Welt es bald zu tun bekommen sollte.

Seither arbeitet die wissenschaftliche Community auf Hochtouren - Tag und Nacht und über Grenzen hinweg. PCR-, Antigen- und Antikörpertests wurden blitzschnell entwickelt, Medikamenten- und Impfstoffstudien begannen. Der Entzündungshemmer Dexamethason und die Antikörper-Therapie von Regeneron haben gewaltige Fortschritte bei der Beherrschung von Covid-19 gebracht.

Bei der Impfstoffentwicklung darf man heute Optimismus wagen: Moderna und Pfizer/Biontech, Curevac und AstraZeneca haben sehr erfolgversprechende Kandidaten am Start, die Notfallzulassungsverfahren beginnen in Kürze. All diese Fortschritte sind ein Beweis für den Erfolg naturwissenschaftlicher Methoden und den Kooperationsgeist in der naturwissenschaftlichen Forschergemeinschaft.

Politiker aller Couleurs werden sich in den kommenden Monaten mit den Erfolgen "ihrer" Wissenschafter schmücken und dabei ganz vergessen, dass die Naturwissenschaften kein nationales, sondern ein internationales Unterfangen sind. Bei der Community der Naturwissenschafter handelt es sich um eine Weltgemeinschaft.

Egoistischer Protektionismus, Nationalismus, Aktionismus, mangelnder Kooperationsgeist und das Herumtaktieren verschiedener Politiker waren bei der Bewältigung der Corona-Krise währenddessen alles andere als hilfreich.

Die Wirtschaftsbosse werden die Konjunkturerholung ebenfalls den Naturwissenschaftern zu danken haben - und sie werden trotzdem weiterhin die Warnungen von Vertretern der Naturwissenschaften zur drohenden Klimakatastrophe in den Wind schlagen. Leider.

Die Naturwissenschaften haben in der Pandemie einmal mehr gezeigt, was zu leisten sie imstande sind. Sie brauchen mehr Gewicht in der Politik und im öffentlichen Diskurs. Die naturwissenschaftliche Denkweise - empirisch, analysierend und evidenzbasiert - sollte zum Standard werden.