Was und wer, so fragen derzeit viele, ist dafür verantwortlich, dass Staaten wie Israel, Großbritannien und sogar die USA ihre Bürger sehr viel schneller gegen Covid-19 impfen, als die Mitgliedstaaten der EU?

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".
Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Die meisten Versuche einer Antwort sind technokratischer Natur und verweisen auf unterschiedliche Prozesse und Strategien bei der Bestellung, Zulassung und Verteilung der zur Verfügung stehenden Impfstoffe. Und natürlich auf die Ungewissheit im Sommer und Herbst 2020, als mit den diversen Impfstoffherstellern verhandelt wurde, ohne zu wissen, welcher Wirkstoff es überhaupt zur Zulassung schaffen würde.

Diese Antworten sind alle richtig, oder jedenfalls nicht falsch, was nicht zwingend auf das Gleiche hinausläuft. Sie sind aber zugleich auch in einer Weise unpolitisch, die überrascht und irritiert. Auf Brüsseler Ebene wird oft - und oft zurecht – beklagt, dass in den Mitgliedstaaten politische Urinstinkte wirken, die schnellen Erfolgen Vorrang vor jener langfristigen Perspektive einräumen, die im Gegensatz dazu das Wohl des größeren europäischen Ganzen im Auge hat. Gut Ding braucht Weile, ist deshalb der allzeit gültige Wahlspruch, wenn es um Entscheidungen auf EU-Ebene geht.

Was in Europa, nicht nur in Brüssel, sondern auch in etlichen Mitgliedstaaten, fehlt, ist der politische Instinkt, dass es manchmal eben sehr wohl auf den Faktor Zeit ankommt. Die Entwicklung von Impfstoffen gegen die Pandemie und die Verabreichung der Impfung selbst sind in dieser Hinsicht zwei Paradebeispiele. Der Faktor Geschwindigkeit ist bei beiden von zentraler, ja im Wortsinn existenzieller Bedeutung. Die Menschen fordern, dass es jetzt beim Impfen auf jeden Tag, jede Woche, jeden Monat ankommt. Und sie haben Recht damit.

Womöglich spüren auch die Impfstoffhersteller, dass den Europäern der Faktor Zeit nicht der allerwichtigste ist. Es gibt Berichte, dass weder die USA noch Großbritannien mit Verzögerungen bei den Lieferungen rechnen müssen, die EU muss es jedoch sehr wohl.

In regelmäßigen Abständen sind Appelle aus und an Brüssel zu hören, die fordern, Europa müsse endlich die Sprache der Macht lernen. Die meisten beziehen das auf militärische Auslandseinsätze. Das ist ein Missverständnis. Auch bei der Durchsetzung der europäischen Interessen gegenüber den Pharmakonzernen muss die EU die Sprache der Macht beherrschen. Keine Sorge, die verstehen das und wissen auch damit umzugehen.

Der ständige Albtraum der EU muss sein, dass manche Staaten und zu viele Bürger die Vermutung plagen könnte, es wäre womöglich ohne Brüssel besser durch die Krise zu kommen als mit Brüssel. Und der nächste Härtetest wartet schon: Die europäischen Programme zum Wiederaufbau der schwer gebeutelten Volkswirtschaften.