Das Problem ist nicht, dass das Vertrauen in die Regierung im Sinkflug ist. Im dreizehnten Monat einer globalen Pandemie und eines beispiellosen nationalen Ausnahmezustands, müsste man eher überrascht sein, wenn das Gegenteil der Fall wäre. Sehr viel beunruhigender ist, wie die Regierung ihr Vertrauen vergeudet.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".
Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Streit und Konflikte zwischen den Koalitionsparteien liegen in der Natur einer Regierung, in der zwei unterschiedliche Welten am Kabinettstisch sitzen (und wenn es die gleiche Welt wäre, fänden sich genug andere Gründe zum Streiten). Und umso mehr in der Dauerkrise einer für alle neuen Pandemie samt ihren vielfältigen Verwerfungen.

Es ist diese Situation, die die Menschen um ihre Gesundheit, Gegenwart und Zukunft bangen lässt. Dass das Nervenkostüm Vieler zum Zerreißen angespannt ist, und bei manchen auch bereits in Fetzen hängt, ist diesem Belastungsstress geschuldet. Das ist der Boden, auf dem Quacksalber, Verschwörungstheoretiker und Opportunisten aller Art reiche Ernte einfahren.

Eine Regierung und ihre Führung können, mit einer solchen Herausforderung konfrontiert, Fehler machen, weil Fehler einfach unvermeidlich sind. Was sie nicht dürfen, ja um jeden Preis zu vermeiden haben, ist, die Verunsicherung und grassierende Vertrauenskrise willkürlich weiter zu befeuern. Und selbst, wenn sich die Regierung unsicher sein sollte, über das, was jetzt richtig und was falsch ist, steht sie in der Verantwortung, auch noch in dieser Lage Sicherheit und Souveränität auszustrahlen.

Wenn es also zwischen Kanzleramt und Gesundheitsministerium Klärungsbedarf bei den Details der Bestellung und Verteilung der verschiedenen Impfstoffe gibt, ist eine anklagende Pressekonferenz des Bundeskanzlers mit Sicherheit nicht einmal der zweitbeste Weg. Das gilt auch für Vorwürfe gegen Brüssel. Zumal, wenn sich kurz darauf herausstellt, dass die Realität weit komplizierter und die Verantwortung weit vielfältiger gestreut ist, als zunächst behauptet.

Regieren heißt Führen, auch in Momenten voller Unsicherheit. Wenn Fehler unterlaufen, sind diese von den politischen Verantwortlichen offen zu legen, einzugestehen und nach Kräften zu korrigieren. Nicht die Fehler sind dabei das eigentliche Problem, sondern der kleingeistige, kurzsichtige Umgang mit diesen, das kindische Beharren darauf, dass im eigenen Bereich alles supersauber laufe und nur beim "anderen" nicht.

Die Folgen dieser Strategie werden noch dadurch verschärft, dass in der tief gespaltenen Öffentlichkeit die Schuldigen für alles Mögliche ebenfalls längst feststehen: Für das Anti-Kurz-Lager kann der Kanzler nichts richtig machen, die Anti-Anschober-Fraktion sieht im Gesundheitsminister den Grund allen Übels und für den Rest der Gläubigen wäre alles gut, wenn da nur nicht dieses "Brüssel" wäre.

Das Virus deckt all unsere Schwächen gnadenlos auf, die menschlichen und die gesellschaftlichen wie die politischen und wirtschaftlichen. Eine Lernkurve zum Besseren? Kein Licht am Ende dieses Tunnels.