Vertrauen und Solidarität: Das waren die zentralen Werte, die die EU in der Pandemie hochhalten wollte. Der Wille war da, das Bemühen auch, keineswegs nur in Brüssel, sondern auch in den Mitgliedstaaten der Union. Doch jetzt ist die dritte Welle auf dem besten Weg, mit dem Vertrauen auch die Solidarität unter sich zu begraben.

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Eine unglückliche bis fahrlässige Schlüsselrolle hat dabei der Impfstoff des britisch-schwedischen Herstellers AstraZeneca. Dessen unvollständige Datenlegung führte erst zur Debatte, ob der Wirkstoff auch an über 65-Jährige verimpft werden könne, was die Europäische Arzneimittelbehörde mit ja beantwortete. Seit Dienstag führt eine Häufung von Sinusthrombosen vorwiegend bei jüngeren Frauen in Deutschland dazu, dass einige Regionen das Vakzin nur mehr an ältere Personen verabreichen.

Bisher setzte die EU sehr viel Energie dafür ein, dass der persönliche Mut von Impfwilligen ja keine Kategorie im Impfkampf gegen die Pandemie wird. Bei AstraZeneca ist dieser Vorsatz jetzt auf dem besten Weg zu scheitern. "Wer will und wer es sich traut quasi, soll auch Möglichkeiten haben", findet in einer ersten Reaktion der bayrische Ministerpräsident Markus Söder. Anders formuliert: Wer AstraZeneca nimmt, der könnte jetzt ganz schnell geimpft werden.

Das ist brutal ehrlich und sehr pragmatisch zugleich (und damit eigentlich genau das, was derzeit allseits zu kurz kommt). Die kurz- und mittelfristigen Folgen für die Impfkampagne werden sich erst weisen. Dabei kann nicht oft genug betont werden, dass alle Daten selbst unter Einbezug des Thromboserisikos den Nutzen des Vakzins von AstraZeneca vor die Risiken stellen. Ebenso richtig ist, dass jede Impfung mit einem Risiko einhergeht. (Darin unterscheidet sie sich nur vom Leben, wo ein letaler Ausgang garantiert ist.) So viel zum Vertrauen.

Der wachsende politische Druck auf so gut wie alle Regierungen lässt aber auch die in der EU ohnehin stets brüchige Solidarität krachen. Man kennt das, von wegen Hemd und Rock. Dass Österreich laut Brüsseler Insider-Berichten jetzt mit einer Blockade des Impfstoff-Ausgleichs wachelt, auf dass die zuvor gemachten Ankündigungen auch halten, ist nicht einmal überraschend. Für Russlands Angebot an Wien, eine Million Dosen seines Impfstoffs Sputnik V zu erwerben, gilt das schon gar nicht.

Die gute Botschaft aus diesen Nachrichten? Dass die Manöver und das Wacheln darauf hindeuten, dass die Regierenden erkannt haben, wie schief da gerade alles läuft. Aber das ist, zugegeben, nur eine verzweifelt optimistische Interpretation.