Im März 2020 lieferten russische Transportjets mit großem Getöse medizinisches Material nach Italien. Im März 2021 bietet Russland an, in Ländern wie Italien oder Österreich den Impfstoff Sputnik V zu produzieren. Die Botschaft, die mitschwingen soll: die EU - ein Versagerhaufen. Russland - der Retter in der Not.

Dabei war Russland alles andere als erfolgreich im Kampf gegen Covid-19. Die Übersterblichkeit - der verlässlichste Indikator für ein Land wie Russland, das sehr wenig testet - war von April bis November 2020 horrend: Nach zuverlässigen statistischen Daten sind in Russland in diesem Zeitraum um 264.100 Menschen mehr gestorben als in vergleichbaren Jahren. Diesen Statistiken zufolge war Russland nach den USA im Jahr 2020 das Land mit der höchsten Übersterblichkeit pro Kopf.

Ähnlich trist sieht es bei der Impfung aus: Derzeit sind in Russland erst 4,68 Prozent der Bevölkerung geimpft (11,1 Millionen). Zwischen Kaliningrad und Wladiwostok wurden bis dato erst 7,66 Dosen pro 100 Einwohner verimpft, in Österreich sind es 17,42 Dosen. Russlands Impferfolg ist also ebenfalls eher bescheiden. In der EU liegen nur Bulgarien und Lettland in puncto Impferfolg hinter Russland, alle anderen EU-Länder liegen weit vor der Russischen Föderation. Warum verkauft Russland Impfstoff an die Länder der Europäischen Union, wenn die Impfraten im Land selbst so niedrig sind? Haben die Impfstoffangebote für EU-Länder vor allem propagandistischen Wert? Gut möglich, denn für Sputnik V wurde erst am 4.März ein Antrag für ein sogenanntes Rolling-Review-Verfahren bei der European Medical Agency (EMA) gestellt. Eine Zulassung ist so rasch nicht zu erwarten. In einem Forschungspapier im angesehenen Medizin-Fachblatt "The Lancet" wird dem russischen Impfstoff eine hervorragende Wirkung beschieden, der Impfstoff scheint auch gut verträglich zu sein. Aber auch ein Fachartikel in einem der besten Fachmagazine ersetzt keine offizielle Zulassung durch die EMA. Zudem: Wie soll man Impfwillige davon überzeugen, sich mit dem Sputnik-V-Impfstoff impfen zu lassen, denen schon das von der EMA zugelassene Serum von AstraZeneca nicht geheuer ist? Wenn die Republik Österreich tatsächlich eine Million Dosen des Sputnik-V-Impfstoffs ankauft - soll der Impfstoff dann gar ohne EMA-Zulassung verimpft werden?

Und was die Produktion betrifft: Die Inspektion und Zertifizierung von Impfstoff-Produktionsanlagen durch die EMA ist ein komplexer Vorgang. Bis Sputnik-V-Impfstoffe aus österreichischer Lizenzproduktion auf den Markt kommen, ist die Bevölkerung durchgeimpft. Die Sputnik-V-Produktion ist also offenbar für andere Märkte gedacht.