Vor elf Monaten sequenzierte eine Biologin am Los Alamos National Laboratory die erste signifikante Mutation des Sars-CoV-2-Virus: D614G. Damals wurde in der Wissenschafter-Community hitzig darüber debattiert, ob die Menschheit gegen ein schnell mutierendes Virus - wie etwa Influenza - oder gegen ein stabiles, mutationsintolerantes Virus - wie etwa Masern - kämpft. Die Antwort lautet: Sars-CoV-2 ist mutationstolerant, und solange das Virus in seiner Ausbreitung nicht endlich effizient behindert wird, werden sich die ansteckenderen und robusteren Mutanten durchsetzen. In der Natur gilt Charles Darwins Diktum vom "Survival of the fittest". Nichts ist so effizient wie Evolution - zufällige Mutation gepaart mit Selektion. Das hat der Biologe Richard Dawkins 1986 in seinem Evolutionstheorie-Klassiker "Der blinde Uhrmacher" dargelegt.

132 Millionen Corona-Infektionen sind bis heute weltweit bestätigt - jede einzelne ist eine Gelegenheit für den "blinden Uhrmacher", das Evolutionsspiel von Mutation und Selektion zu spielen. Die britische Mutation B.1.1.7, die südafrikanische Variante B.1.351 und die brasilianische Virusvariante P.1 sind auch der Grund, warum es in der westlichen Hemisphäre und in Europa noch immer nicht gelingt, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Die Übertragbarkeit ist gestiegen, und das Immunsystem tut sich bei der Abwehr dieser Mutationen schwerer als im Kampf gegen den sogenannten Wuhan-Wildtyp.

In diesem Wettlauf gegen die Zeit spielt eine möglichst rasche Durchimpfung der Bevölkerung die größte Rolle: Solange der eklatante Impfstoffmangel weiter vorherrscht, sollte der Fokus noch stärker als bisher darauf gelegt werden, die erste Impfdosis rasch zu verabreichen und den Termin der zweiten Teilimpfung so weit wie nur igend möglich hinauszuschieben.

Das Versagen der EU und der europäischen Regierungen, alles daran zu setzen, dass möglichst rasch große Mengen an Impfstoff bereitstehen - wie man das in den USA und Großbritannien getan hat - wiegt schwer. Kanzler Sebastian Kurz schiebt die Schuld dabei gerne auf die Europäische Union - dabei sind die Gründe des Versagens auch hausgemacht. Einerseits wurde zu wenig Impfstoff von Johnson & Johnson bestellt, andererseits wurde viel zu wenig getan, um Unternehmen wie den BioNTech- und Moderna-Zulieferer Polymun in Klosterneuburg oder Novartis in Kundl dabei zu unterstützen, die Produktion von Impfstoffkomponenten massiv hochzufahren. Die Förderung des Biotech-Standorts Österreich wurde in der Krise sträflich vernachlässigt. Dazu ist es nicht zu spät: Denn wie es derzeit aussieht, müssen zumindest einige Jahre lang Auffrischungsimpfungen verabreicht werden.