Angenommen, man hätte die Wahl und könnte die Dramaturgie der eigenen Karriere selbst schreiben: Wie würde der eigene Lebensweg wohl verlaufen? Vielleicht nicht unbedingt so, wie Randolph Churchill, der Vater von Winston, den eines politischen Idols, des konservativen britischen Staatsmanns und Schriftstellers Benjamin Disraeli, auf den Punkt brachte: "Scheitern, Scheitern, Scheitern, teilweiser Erfolg, erneutes Scheitern, schließlich ultimativer und vollständiger Erfolg."

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Das ist die Kürzestversion einer wilden Achterbahnfahrt. Im Wissen um den Triumph, der am Ende wartet, erscheinen die zahlreichen Niederlagen zu Beginn und in der Mitte verkraftbar. Auf jeden Fall ist Disraelis Biografie das Gegenteil einer kühl geplanten Karriere, sondern eher das leidenschaftliche und konsequente Beharren auf den eigenen beträchtlichen Talenten.

Müsste man die bisherigen Lebenswege von Bundeskanzler Sebastian Kurz und seinen engsten Vertrauten, allen voran Finanzminister Gernot Blümel, in Churchill-Senior-artiger Kürze zusammenfassen, würden diese etwa so ausfallen: Erfolg, Erfolg, zwischenzeitiges Scheitern mit dem Platzen von Türkis-Blau und der Abwahl als Kanzler, auf die ein noch größerer Erfolg - nämlich der Wahlsieg 2019 und die Bildung der ersten Koalition einer christdemokratischen mit einer linken Ökopartei in Europa - folgt.

Doch was kommt als Nächstes? Ein erneutes und dann womöglich bereits endgültiges Scheitern- mit nicht einmal 35 Jahren? In einigen Kommentaren zur innenpolitischen Lage schimmert diese Erwartung, die meist der persönlichen Hoffnung des Kommentators entspricht, durchaus durch, detto im entgegengesetzten Fall der fixen Erwartung eines neuerlichen Erfolgs.

Eine kühle Analyse der aktuellen Situation kommt dagegen zu einem offeneren Ergebnis. Der Markenkern der türkisen ÖVP - der Anspruch, vieles neu und besser zu machen - ist durch die Offenlegung der Machtmechanismen mehr als nur ramponiert. In den Sonntagsfragen sämtlicher Umfragen liegen Kurz und seine ÖVP dennoch mit großem Abstand vor dem abgeschlagenen Feld der Verfolger.

Darüber, ob sich das in absehbarer Zeit ändert, entscheidet eher nicht die anstehende Kaskade weiterer Chat-Veröffentlichungen aus dem türkisen "Inner Circle", sondern die Frage, wie das Land die Folgen der Pandemie überwindet, die massiven Schäden behebt und die strukturellen Weichen für die Zukunft stellt. Darauf, dass sich all das zum "ultimativen und vollständigen Erfolg" für Kurz entwickelt, weist heute weniger als gestern hin. Noch ist eine Wende aber nicht ausgeschlossen.