Endlich wieder Schule! Am Montag endet im Osten der regionale Schullockdown, Kinder lernen wieder gemeinsam in Schicht- oder Vollbetrieb. Elternvertreter jubeln, die Kinder sowieso. Bildungspolitiker feiern einen großen Erfolg: Die Kinder kommen zuerst aus der sozialen Isolation. Dafür hat man hart gekämpft. Schließlich soll die Pandemie nicht auf dem Rücken der Jüngsten bekämpft werden.

Doch die kollektive Freude ist nicht ungetrübt. Nicht alle Eltern sehen die Rückkehr zum aktuellen Zeitpunkt so freudig. Dass Kinder eine Rolle im Infektionsgeschehen spielen, ist mittlerweile evident, dass in Schulen Cluster entstehen, ebenso. Infektionen lassen sich zwar durch engmaschige Tests rasch aufspüren, wegtesten kann man sie aber nicht. Betroffen sind dann nicht nur die Kinder selbst, die meist sehr milde Verläufe entwickeln. Sie tragen das Virus direkt in ihre Familien hinein.

Dieser Mechanismus hat durch die ansteckenderen Varianten neue Dynamik bekommen. Das Virus scheint sich unter Kindern schneller zu verbreiten und bringt Menschen im Alter der Eltern schulpflichtiger Kinder auf Intensivstationen. Diese sind meist noch nicht geimpft. Die Spitäler sind in Wien an der Belastungsgrenze und die 5- bis 14-Jährigen die einzige Altersgruppe, in der die Ansteckungen derzeit steil zunehmen statt abnehmen. Eltern sind zu Recht besorgt. Viele sehen die Schulöffnung gar mit Unverständnis.

Im medialen Jubel der Elternvertreter und der Bildungspolitik ist dafür kaum Platz. Dort überwiegt die Freude, sich im politischen Ringen - mit einem Tunnelblick - durchgesetzt zu haben. Damit spielt Politik die Last der Pandemie erst recht in die Familien hinein und kämpft sie auf andere Weise auf Kosten der Kinder aus. Es wirkt in diesem Kontext wie Hohn, die Fallzahlen an Schulen als einen treffsicheren Indikator für die Dunkelziffer der Infektionslage heranzuziehen.

Diese Schulöffnung - so kurz vor dem vermeintlichen Ende der Pandemie - bedeutet für viele Familien, die Kontrolle über ihr eigenverantwortliches Verhalten zu verlieren: sich selbst an alle Maßnahmen zu halten und dann die eigenen Kinder an die virale Front zu schicken und daher mit weniger Verantwortungsvollen eine unfreiwillige virale Schicksalsgemeinschaft zu bilden.

Ja freilich, Eltern können ihre Kinder vom Präsenzunterricht abmelden. Das spielt aber Familien die politische Verantwortung zurück. Das ist noch weniger zumutbar als Homeschooling. Bildungsdefizite lassen sich leichter kitten als psychologische Schäden, die entstehen, wenn Eltern die eigenen Kinder unter ständigen Ansteckungsverdacht stellen. Oder schlimmer noch: Kinder die eigenen Eltern womöglich mit einem schweren, gar tödlichen Verlauf infizieren.