Wien macht es spannend mit den Öffnungen. Während für den Bund und die übrigen acht Länder das Öffnungsdatum 19. Mai für Gastronomie, Tourismus, Kultur und Sport wie ein elftes Gebot in Moses Steintafeln eingemeißelt scheint, lässt sich Bürgermeister Michael Ludwig mit einer Beharrlichkeit, die in Österreich längst rar geworden ist, in jeder Wortmeldung zum Thema die Tür zur Verlängerung der Sperren offen. Nicht einmal eine Garantie für die Öffnung des Handels ab 2. Mai, wie mit Niederösterreich vereinbart, lässt er sich entlocken.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".
Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Auf den – hoffentlich endgültig – letzten Metern der Pandemie erhält die SPÖ-Parteivorsitzende Pamela Rendi-Wagner, die hartnäckig bei Lockerungen auf der Bremse und bei Verschärfungen auf dem Gaspedal steht, damit einigermaßen überraschend Gesellschaft vom mächtigsten Mann in der SPÖ, dem Wiener Bürgermeister, der ansonsten selten um eine Spitze gegen die Chefin verlegen war. Dessen Gesundheitsstadtrat Peter Hacker, der noch unmittelbar vor Verkündigung des Oster-Lockdowns forsch und gegen alle Evidenz die Öffnung der Außengastronomie gefordert hatte, konzentriert sich seitdem auf seinen eigentlichen Job, das unmittelbare Krisen- und Impfmanagement. Die Bühne der Corona-Kommunikation ist in der Hauptstadt, spät, aber doch noch, Chefsache.

Wobei es das eine ist, laut über einen neuerlichen Aufschub der in Aussicht gestellten Lockerungen nachzudenken, und etwas ganz anderes, diesen Schritt auch tatsächlich zu setzen. Schwer vorstellbar, dass Niederösterreich noch einmal Wien zuliebe auf die reihum ersehnten Lockerungen verzichtet, obwohl die Stadt und ihr Umland aufs Engste miteinander verbunden sind, zumal der Dritte im Bunde, das Burgenland, die epidemiologische Schicksalsgemeinschaft der Ostregion bereits aufgekündigt hat.

So gesehen verwundert weniger das Zögern Ludwigs als die Selbstgewissheit aller anderen, wenn es um die nächsten unvorhergesehenen Hakenschläge von Sars CoV-2 geht. Das kann man beim Gros der Bundesregierung noch verstehen, die, so hat man den Eindruck, das Krisenmanagement hinter sich gelassen hat und nur noch Augen für die Herausforderungen des Öffnens und der wirtschaftlichen Schadensbegrenzung hat.

Politisch ist das aus Sicht der türkis-grünen Regierungsspitze sogar verständlich, zumal das Prinzip der Regionalisierung, wenn Verschärfungen doch wieder notwendig werden sollten, rechtlich festgeschrieben ist. Die letzte Entscheidung dafür liegt allerdings doch wieder bei der Regierung, konkret beim Gesundheitsminister.

Wolfgang Mückstein hat gleich bei seinem Amtsantritt alle wissen lassen, dass er vor unpopulären Maßnahmen nicht zurückscheuen werde. Das wird er auch müssen, ob er will oder nicht, denn derzeit ist weit und breit niemand mehr in Sicht, der ihm diese Entscheidungen abnehmen wird. Und mit Glück hat er dann wenigstens einen Landeschef als Gegenüber, der den Unterschied zwischen dem Populären und dem Notwendigen nicht nur aus Sonntagsreden kennt. Hoffen darf man das, darauf wetten sollte man.