Der rote Faden, der sich durch die wirtschaftlichen wie politischen Verhältnisse zu Beginn des 21. Jahrhunderts zieht, ist die Unausweichlichkeit von Chinas Aufstieg. So verhält sich das Riesenreich auch: selbstbewusst, dominant bis aggressiv, nach innen wie außen. Doch der Nachdruck, mit dem Chinas Führung ihren Anspruch als Supermacht und Hegemon in Ostasien auf eine passgenau auf seine Interessen zugeschnittene institutionelle Architektur zu übertragen versucht, ist womöglich nicht nur dem aktuellen Machtgefühl geschuldet, sondern auch der Sorge vor einer künftigen Ohnmacht.

- © WZ
© WZ

Eine Vorahnung davon wurde am Dienstag bekannt: Laut "Financial Times" soll das Ergebnis der 2020 durchgeführten Volkszählung erstmalig ein Schrumpfen der chinesischen Bevölkerung anzeigen. Offizielle Bestätigungen stehen aus, doch eigentlich sollte das Land, das keine Überraschungen liebt, erst 2027 den Höchststand erreichen. 2020 zählte das bevölkerungsreichste Land der Erde 1,42 Milliarden Menschen.

Die Führung in Peking denkt in Generationen, nicht in kurzen Wahlzyklen; von daher ist ihr die Macht der Demografie vollauf bewusst. Ob die Bevölkerung eines Landes wächst oder schrumpft, hat Folgen für sämtliche Politikbereiche, je stärker desto größere. Chinas Bevölkerung hat sich in den vergangenen 70 Jahren verdoppelt, bis zum Jahr 2100 könnte sie sich nun wieder halbieren.

Diese Entwicklung wird China zu einem völlig anderen Land machen, als es heute noch ist. Am stärksten schrumpfen wird nämlich die Zahl der 20- bis 49-Jährigen, und zwar um gleich 400 Millionen oder 84 Prozent im Vergleich zu heute. Das umfasst das Gros der Arbeitskräfte. Massiv ansteigen wird dagegen die Zahl der Älteren, die unterstützt, wenn nicht sogar erhalten werden müssen.

Viele Nachteile dieser Entwicklung, wie wir sie bereits aus Japan und auch aus Europa kennen (hier federt die Zuwanderung die niedrigen Geburtenzahlen ab), lassen sich durch technologische Entwicklungen wie Digitalisierung und Robotisierung zumindest teilweise kompensieren. Doch schon in wenigen Jahrzehnten wird China nicht mehr als wirtschaftlicher Motor der Weltkonjunktur fungieren. Damit verändern sich sein Gewicht und sein Durchsetzungsvermögen in einer nicht mehr sehr fernen Zukunft. Was China will, muss es sich deshalb jetzt oder zumindest demnächst holen. Später könnten ihm die Kraft und der Hebel dazu bereits fehlen. Diese Konstellation macht unsere Gegenwart nicht unbedingt sicherer.