Der Konflikt ist so umfassend, dass sogar das Reden darüber vermint ist. Die Offensive der islamistischen Hamas auf israelische Städte wird zum "Raketenbeschuss" versachlicht, die Reaktion Israels zum offensiven "Luftangriff" hochgestuft. Auch umgekehrt verraten die Worte verlässlich den Standort. Echte Objektivität ist in dieser Konfrontation verlässlich unmöglich, sei es wegen der Gegenwart oder aus Gründen der Vergangenheit.

- © WZ
© WZ

Unbestritten ist, dass die Kräfteverhältnisse zwischen Israelis und Palästinensern asymmetrisch sind: Auf der einen Seite eine der kampferprobtesten und besten Armeen der Welt, der meist perspektivenlose Jugendliche sowie eine professionelle islamistische Kadertruppe gegenübersteht, die auf Attentate und Boden-Boden-Raketen setzt.

Rund 3.000 solcher Raketen sind seit 2011 auf Israel abgefeuert worden; seit damals steht das Luftabwehrsystem "Iron Dome" in Dienst. Im Internet finden sich beeindruckende Videos von der Effizienz des automatisierten militärischen Schutzschildes. Aber kein Schutzschild ist hundertprozentig sicher: Am Dienstag wurden zwei Israelinnen getötet. Die jüngsten israelischen Vergeltungsangriffe forderten bis Dienstagabend 26 Todesopfer, darunter etliche Kinder.

Die Trauer und das Gefühl der Hilflosigkeit werden für neue Wut im Übermaß sorgen, die Nachschub an opferwilligen Kämpfern auf palästinensischer Seite sicherstellt. Das ist der Zweck dieser militärisch ansonsten sinnlosen Raketenangriffe: die eigene Unterlegenheit in politisches Kapital verwandeln und den Gegner als überschießend und unmenschlich darzustellen. Diese Inszenierung beherrscht die Hamas vortrefflich.

Der Funke, der die jüngste Eskalation entzündete, wurde in Jerusalem geschlagen, der Stadt, die beide Seiten als ihre Hauptstadt betrachten. Benjamin Netanjahu, Israels um sein politisches Überleben kämpfender Premier, der seit Jahren einer Übergangsregierung ohne Mehrheit vorsteht, will nicht nur hier einseitige Fakten schaffen. Die Verfügungsgewalt über den knappen Boden ist im Heiligen Land noch aufgeladener als anderswo. Womöglich stehen demnächst die fünften Wahlen in etwas mehr als zwei Jahren an. Dagegen warten die Palästinenser seit 15 Jahren auf die Möglichkeit, ihre Führung selbst zu wählen.

Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe dreht sich die Gewaltspirale zusehends schneller. Beide Seiten erhöhen ihren Einsatz, der Rest der Welt beschränkt sich darauf, hilflos zur Zurückhaltung zu mahnen. Irgendwann werden die Kämpfe abflauen, aber nur, bis erneut einkleiner Funke ein großes Feuer entzündet. Das ist für den Moment die einzige Gewissheit in Nahost.