Die Vorfreude auf die anstehenden Öffnungen und Lockerungen nach dem monatelangen Lockdown in Österreich und weiten Teilen Europas ist berechtigt. Menschen wie Volkswirtschaften sehnen sich nach Freiheit und Aktivität. Angesichts der massiv sinkenden Infektionszahlen und steigenden Impfraten macht sich zum ersten Mal die empirisch begründete Überzeugung breit, dass die Pandemie im Griff und demnächst auch überwunden sein wird.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".
Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Das ist nicht falsch, ist aber auch nur die halbe Wahrheit. Europa, Nordamerika und der Rest der entwickelten Welt ist über dem Berg; der große Rest blickt bang nach Indien, wo das Virus ungebremst wütet, und fürchtet, hier die eigene Zukunft am Werk beobachten zu können.

Laut offiziellen Zahlen haben sich bisher weltweit 163 Millionen Menschen mit Sars-CoV-2 infiziert, rund 3,37 Millionen sind in der Folge daran gestorben. Das ist allerdings nicht mehr als eine grobe Schätzung; genaue Daten werden sich erst im Rückblick genau berechnen lassen. So lange wollten die Datenjournalisten des "Economist" nicht warten. Nach deren Modellrechnungen kostete die Pandemie bisher zwischen 7,1 und 12,7 Millionen Menschenleben, am wahrscheinlichsten etwa rund 10 Millionen.

Und es könnten – siehe Indien – noch sehr viele mehr werden. Vor allem die ärmeren Staaten, wo Menschen dicht an dicht leben und die Gesundheitsversorgung bestenfalls rudimentär ist, haben das Schlimmste noch vor sich, lautet eine der zentralen Befürchtungen.

Umso drängender stellt sich auch aus Sicht der wohlhabenden Staaten die Frage nach der Durchimpfung in den ärmeren Ländern. Stand jetzt, ist damit erst – und bestenfalls - im Laufe von 2022 zu rechnen, während Europa und Nordamerika schon an den Planungen für die dritte und vierte Impfung arbeiten.

Wenn das zentrale Ziel nach wie vor lautet, Menschenleben zu schützen, dann sollte in den kommenden Monaten der Fokus der globalen Impfanstrengungen auf dem globalen Süden liegen. Europa leistet hier, zugegeben, bereits mehr als andere Regionen und Staaten der Ersten Welt. Natürlich hat der Schutz der eigenen Bevölkerung Vorrang vor der Hilfe für andere.

Doch spätestens, wenn die Durchimpfung einmal erreicht ist, stellt sich die Frage, ob die vielfache Überversorgung mit Impfstoffen, die dann auch zunehmend lieferbar sein werden, nicht anderswo größeren Nutzen entfalten kann. Durchaus auch aus nacktem Eigeninteresse: Wo Sars-CoV-2 sich frei verbreitet, steigt etwa auch die Gefahr neuer, unberechenbarer Mutationen, die erneut einen Siegeszug rund um den Globus antretten können.

Vor lauter verständlicher Vorfreude auf einen halbwegs freien Sommer ist von dieser notwendigen Debatte noch nichts zu hören. Das sollte sich ändern.