Zu den Aufgaben von seriösem Journalismus zählt, das Verhalten der politischen Parteien von allen Seiten zu beleuchten. Nicht selten ist das weder besonders erquickend noch erhellend, aber in der Regel halten sich auch Berufspolitiker an die ungeschriebenen Regeln von Berechenbarkeit und Zielorientierung, was auch immer im Einzelfall darunter zu verstehen ist. Wie das vergangene Wochenende gelehrt hat, ist aber auch hinter solche liebgewonnenen Überzeugungen ein Fragezeichen zu setzen.

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Dabei schien anfangs alles Routine: Am Freitag preschte der Bundeskanzler vorhersehbar mit Details zu den absehbaren Öffnungen vor. Daraufhin trug der zuständige Gesundheitsminister seine Missbilligung über den Kanzler in die Medien, was wiederum für gespielte Erregung unter Türkisen und bei berufs- wie hobbymäßigen Kommentatoren für Stoff über das Wochenende sorgte. Tenor: Hoppla, da traut sich der neue Grüne, öffentlich Paroli zu bieten! Nur dass genau dieser Eindruck am Montagabend in Trümmern lag, als der Minister jetzt plötzlich den Kanzler beim Öffnungstempo überholte.

Wie soll Journalismus, der berichten, erklären und einordnen will, mit solchen Bocksprüngen in einer Regierung umgehen? Selbst wer auf die aus der Hüfte geschossenen Interpretationen wie "Kurz, der Solotänzer" oder "Mückstein endlich mit Rückgrat" verzichten wollte, hätte auch beim bloßen Berichten seine liebe Mühe. Es sei denn, es ist ohnehin egal, was berichtet wird, weil schon die Politik selbst kein gesteigertes Bedürfnis hat, dass die Menschen verstehen, was "bei denen, da oben" vorgeht.

Eine erste - für den Journalismus wahrscheinlich produktive - Konsequenz wäre, die Tendenz zu Instant-Kommentaren drastisch zu reduzieren. Die Digitalisierung lässt die Geschwindigkeit von Aktion, Reaktion und journalistischer Einordnung eskalieren, ohne dabei einen Zugewinn an Aufklärung oder auch nur Klarheit zu erreichen. Doch dem steht der ökonomische Wert von Geschwindigkeit entgegen.

Eine zweite mögliche Konsequenz ist drastischer, weil sie auf eine journalistische Neubewertung der von den Parteien ausgehenden Aktivitäten hinausläuft. An der "richtigen" Gewichtung dieser Politik-Politik entzünden sich immer wieder Debatten: Ein Übergewicht von Taktik und Strategie lenke von wichtigeren Sachthemen ab. Auf der anderen Seite zeige sich hier der Machtcharakter von Parteien.

Wahrscheinlich ist die naheliegende Konsequenz die simple Einsicht: Manche Dinge lassen sich einfach nicht mehr rationalisieren, womit auch ein einordnendes Urteil über die beteiligten Parteien verbunden ist.