Auf dem Finanzmarkt herrscht das Kalkül der Rendite. Investitionswürdig ist, was eine Aussicht auf eine üppige Dividende bringt. Und diese Aussichten werden immer grüner. Gewissen und Umweltschutz werden zur neuen Rendite. Wer langfristig am Markt bestehen will, muss künftig auch auf seine CO2-Bilanz schauen.

Marina Delcheva ist Leiterin des Ressorts "Wirtschaft" bei der "Wiener Zeitung".
Marina Delcheva ist Leiterin des Ressorts "Wirtschaft" bei der "Wiener Zeitung".

"Die Steinzeit ging nicht zu Ende, weil es an Steinen mangelte. Und mit dem Ölzeitalter verhält es sich ähnlich." Das sagte der ehemalige saudi-arabische Ölminister Ahmed al Jamani schon in den 1970ern. Und die Ereignisse der vergangenen Tage geben ihm recht. Es sind nämlich zwei Dinge passiert, die die gesamte Ölbranche aufhorchen ließen.

Am Mittwoch hat ein Bezirksgericht in Den Haag den Ölriesen Royal Dutch Shell dazu verurteilt, bis 2030 seine Treibhausgase um 45 Prozent gegenüber 2019 zu senken. Der Aktienkurs fiel. Das Urteil gilt als revolutionär und richtungsweisend für weitere Klimaklagen. Nicht zuletzt deshalb, weil eine Berufung keine aufschiebende Wirkung hat. Shell muss sofort liefern.

Am selben Tag ist jenseits des Atlantiks in Texas (USA) etwas ähnlich Bemerkenswertes passiert: Die Aktionäre des texanischen Ölgiganten Exxon Mobil haben zwei Mitglieder der Umweltaktivistengruppe "Engine Nr. 1" in den Verwaltungsrat des Unternehmens gewählt. Die Investorengruppe rund um den kleinen Hedgefonds "Engine Nr. 1" hatte eine Kampagne für mehr Klimaschutz gestartet und drängte auf einen Rückgang bei Erdöl und Erdgas zugunsten erneuerbarer Energien. Die Aktionäre von Exxon Mobil stimmten außerdem mehrheitlich für eine Resolution, die den Konzern zu einem Bericht darüber verpflichtet, ob seine Lobbyarbeit im Einklang mit den Pariser Klimaschutzzielen steht. Auch beim Konkurrenten Chevron stimmten 61 Prozent der Aktionäre für einen Entwurf zur Reduktion der CO2-Emissionen bei allen Produkten des Öl- und Gaskonzerns.

Klimapolitik und die Rahmenbedingungen für die Energiewende sind Sache der Politik. Aber der Finanzmarkt ist ein gewichtiger Hebel für den Klimaschutz. Und Treibhausgase und Umweltverschmutzung sind auch am Anleihenmarkt nicht mehr en vogue. Das haben übrigens auch Banken und Versicherungen erkannt. Die Erste Group will ab 2030 keine Kohlekraftwerke mehr finanzieren. Der weltweit zweitgrößte Rückversicherer Munich Re versichert keine neuen Kohlekraftwerke und -minen mehr. Im Vorjahr begab er erstmals in seiner 140-jährigen Unternehmensgeschichte eine grüne Anleihe mit einem Emissionsvolumen von 1,25 Milliarden Euro aus. Die Aktienkurse und die Umwälzungen im Ölsektor spiegeln letzten Endes nur den Wunsch nach einer sauberen, unversehrten Umwelt wider.