Wenig stößt bei Parteien und Politikern auf mehr und ausdauerndere Begeisterung als die Beschäftigung mit ihresgleichen und den eigenen Angelegenheiten. Von daher rührt auch der verbreitete Eindruck, dass diese Selbstbeschäftigung den eigentlichen Kern des Politischen ausmacht. Die 198. Novelle zum Sozialversicherungsgesetz, die unendlichen Mühen der alltäglichen Integrationsarbeit, die vertrackten Untiefen des heimischen Föderalismus: All das zu durchforsten oder zum Besseren zu verändern, erscheint dagegen eher als lästiges Übel, das man in Kauf nimmt, um dem so viel spannenderen Gerangel um jeden kleinsten Vorteil auf Parteienebene frönen zu können. Ob in einer Regierung oder aus der Opposition heraus, ist da fast schon belanglos.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".
Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Einzig offene Frage bleibt da, ob die Leidenschaft auch so groß wäre, wenn die reichweitenstärksten Medien sich diesen Strategiespielchen, dem Wadlbeißen und Hacklwerfen nur in Kurzmeldungsform widmen würden. Tun sie aber ohnehin nicht.

Die existenzielle Erfahrung einer Pandemie hat dem genauso wenig ein Ende bereiten können, wie die Herkulesaufgabe des ökonomischen und sozialen Wiederaufbaus. Mit der unbändigen Faszination aller Stationen einer zünftigen Regierungskrise inklusive sämtlicher Optionen kann eine solche dröge Realität ja auch unmöglich konkurrieren. Weshalb die unwahrscheinliche Wahrscheinlichkeit einer Zusammenarbeit von SPÖ, Grünen, Neos und FPÖ, nur um die ÖVP aus ihrem Dauerabonnement auf die Regierungsbank zu entlassen, mit größerer öffentlicher Anteilnahme durchdekliniert wird, als die Aussichtslosigkeit einer umfassenden Reform der europäischen Agrarpolitik oder die grundsätzliche Notwendigkeit einer zielgerichteten pandemischen Datenerfassung bei gleichzeitiger Berücksichtigung datenschutzrechtlicher Erfordernisse.

Diese schiefe Themenbewertung ist nicht deshalb ein Unglück, weil eine Verbrüderung der politischen Konkurrenz zulasten der Volkspartei gänzlich ausgeschlossen wäre. In den vergangenen Jahren hat sich der Möglichkeitscharakter der heimischen Innenpolitik exponentiell gesteigert, zumal es eine Zweckgemeinschaft gegen den Stimmenstärksten ja schon 2019 gegeben hat.

Dass es 2021 aller Voraussicht nach zu keiner Neuauflage des "Alle gegen die ÖVP"-Bündnisses kommen wird, sollte nicht vorschnell missinterpretiert werden. Die Gründe dagegen sind nicht grundsätzlicher inhaltlicher Natur, sondern es überwiegen einmal mehr taktische Überlegungen. Hinzu kommt die unübersehbare Freude der Kanzlerpartei, die anti-türkise Einheitsfront zum eigenen Vorteil einsetzen zu wollen. Irgendwie typisch: Die Lage mag hoffnungslos sein, aber ernst ist sie noch lange nicht.