"Es gibt hierzulande eine spezifisch österreichische Form von Aufgeregtheit, eine Erwartungshaltung, dass man zu jeder Frage sofort eine Positionierung und eine abgeschlossene Meinung haben muss. In Österreich ist es fast unmöglich, sich zu einer Sache über einen längeren Zeitraum Gedanken zu machen, sich die Zeit zu nehmen und zu sagen: Hier haben wir noch keine abgeschlossene inhaltliche Position. (. . .) Politik ist unfassbar schnell, am Freitag habe ich oft schon vergessen, welche Sau am Mittwoch durchs Dorf getrieben wurde. Dieses Tempo trägt nicht dazu bei, dass die politischen Entscheidungen besser werden."

Das sagte Sigrid Maurer, Klubobfrau der Grünen im Nationalrat, im Interview mit dieser Zeitung. Dass sie Recht hat, dafür gibt es etliche Belege in der Wirklichkeit, auch wenn es für die Überzeugung, Österreich werde besonders außergewöhnlich schlecht regiert, keine belastbaren Hinweise gibt. Die Alpenrepublik zählt zu den wohlhabendsten und lebenswertesten Ländern weltweit. Das ist zuvorderst das Verdienst der hier lebenden Menschen und einiger glücklicher Umstände der Geschichte, aber ganz ohne jedes Zutun der politischen Klasse wäre Österreich eben auch nicht zu jener Wohlstandsoase geworden, die es heute ist.

Trotzdem besteht ein verbreitetes Gefühl von nicht genutzten Chancen, von schlummernden Potenzialen, die nicht und nicht gehoben werden, von systemischen Defiziten, die beharrlich ignoriert oder achselzuckend akzeptiert werden. Zugegeben, dass Österreich nicht immer ganz oben im Bereich seiner eigentlichen Möglichkeiten operiert, ist kein exklusives Thema der Politik. Auch im Bereich der Medien wäre eigentlich mehr und besseres möglich. Aber Politik ist eben jener Bereich, der wie kein anderer die Rahmenbedingungen seines eigenen Handelns selbst bestimmen kann.

Als Zahltag, das heißt, als ultimativer Leistungsnachweis von Erfolg, dient dabei der Wahltag, und diese ausschließliche Fixierung auf einen einzigen Moment alle paar Jahre ist auch das Problem. Nicht per se, weil das Votum der Wähler ist in jeder Demokratie nun einmal von zentraler Bedeutung. Das Problem ist, dass es der Politik gelungen ist, Wahlen und Wahlkämpfe zu allem möglichen zu machen, nur eben nicht zu einem Leistungsnachweis der vergangenen Jahre und einem Wettbewerb um die besten Konzepte für die Zukunft auf Grundlage unterschiedlicher Weltanschauungen.

Darüber den Daumen zu heben oder senken, ist Sache des Souveräns, der Bürgerinnen und Bürger. Ein Aspekt der Kritik Maurers, das völlig überschießende Tempo politischer Debatten, sollte nicht der Politik zur Regelung überlassen bleiben, weil es am Kern der öffentlichen Debatte rührt. Nach der Logik einer atemlosen Gesellschaft ist Geschwindigkeit Trumpf, weil der Erste den Rahmen für die Nachkommenden setzt. Geschwindigkeit ist aber Gift, weil es wertvolle Zeit zum Nachdenken, Analysieren und Kontrollieren nimmt. Journalisten sollten sich diese Zeit nicht nur nehmen, sie nehmen müssen. Und Politiker eigentlich auch.