Die ÖVP ist in der schwersten Krise seit Beginn der Ära Sebastian Kurz, doch ihr Anspruch auf die Kanzlerschaft scheint dennoch ungefährdet. Diese Diagnose sollte SPÖ, FPÖ und Neos eigentlich Debattenstoff für ihre an diesem und dem kommenden Wochenende anstehenden Parteitage geben. Dem gemeinsamen rot-blau-pinken Projekt ist es gelungen, der makellosen Oberfläche der türkisen ÖVP tiefe Kratzer zuzufügen (und dabei unter maßgeblicher Mitwirkung der Kanzlerpartei das allgemeine Ansehen von Politik und maßgeblichen Institutionen zu beschädigen), doch bei der Pflicht jeder Opposition, nämlich eine personelle und politische Alternative den Wählern anzubieten, sind die drei ungleichen Verbündeten bisher nicht weit gekommen. Pamela Rendi-Wagner, Herbert Kickl und Beate Meinl-Reisinger haben allesamt Stärken, aber eben (noch?) keine Kanzlerstatur.

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Kurz ist nicht mehr der Kandidat, dem es gelingt, eine breite politische Allianz der rechten Mitte hinter sich zu vereinen und im Stimmenpotenzial anderer zu wildern, aber er ist nach wie vor jener Politiker, der die ÖVP über der 30-Prozent-Marke halten kann; das ist weit weg von seinen früheren Umfragewerten, aber noch immer um Welten jenseits des Tränentals, in dem die schwarze ÖVP lange feststeckte. Sein Talent zur rhetorisch verbindlich verpackten Polarisierung und die strategische Orientierungslosigkeit der "Kurz muss weg"-Bewegung helfen Kurz bei dieser Schadensbegrenzung.

Des Kanzlers relative Stärke ist wenig überraschend die direkte Folge der relativen Schwäche seiner Konkurrenz. Sein Stern am Kanzler-Himmel stand zwar schon höher, doch zu seinem Glück tummelt sich am Austro-Firmament kein Himmelskörper von vergleichbarer Strahlkraft, dem es eine Mehrheit oder ausbaufähige Minderheit der Bürger zutraut, in diesen unruhigen Zeiten an der Spitze des Landes zu stehen. Die magische Kraft des Amtsbonus ist derzeit eine der, wenn nicht sogar die wichtigste Stütze von Kurz.

Zur dynamischen Natur des politischen Geschäfts zählt jedoch auch die Wahrheit, dass Macht - und mitunter bereits die bloße Aussicht auf Macht - Politiker mit einer besonderen Aura umgibt, die den Blick der Bürger auf den Politiker verändert und diesen in zuvor ungeahnte Höhen hebt.

Von dieser Aura der absehbaren Macht sind die drei Spitzen der Opposition (und im Übrigen auch die Führung der Grünen) allesamt noch ungeküsst. Solange das so bleibt, kann Sebastian Kurz verhältnismäßig gut schlafen. SPÖ, FPÖ und Neos ist es gelungen, den Kanzler auf Menschenmaß zu redimensionieren, doch damit haben sie erst die erste Etappe ihres Wegs hinter sich.