Parteitage sind zuallererst eine dem Parteiengesetz geschuldete organisationsrechtliche Notwendigkeit. Das schließt nicht aus, dass eine politische Bewegung die Gelegenheit einer Zusammenkunft ihrer Delegierten auch dafür nutzt, inhaltliche oder personelle Weichenstellungen mitsamt den damit verbundenen Machtfragen auf offener Bühne auszutragen.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Doch dies ist längst die Ausnahme geworden. Im Regelfall dienen Parteiversammlungen heute in erster Linie der öffentlichen Demonstration von Geschlossenheit. Nicht so in der SPÖ. Statt Pamela Rendi-Wagner bei ihrer Kandidatur für den Parteivorsitz mit den üblichen 90-Prozent plus x auszustatten, wurde die Parteichefin mit 75 Prozent von den eigenen Funktionären kalt abgeduscht.

Man kann das Ergebnis durchaus ehrlich nennen. Die Zweifel, ob Rendi-Wagner das Potenzial für eine erfolgreiche Kanzlerkandidatur hat, sind unter Beobachtern und in der SPÖ auch nach bald drei Jahren an der Spitze noch immer handfest und allgegenwärtig. Tatsächlich ist das die Kernanforderung an jeden und jede Parteivorsitzende der SPÖ.

Die SPÖ war einmal eine für ihren Pragmatismus gerühmte und zugleich berüchtigte Bewegung. Pragmatisch wäre in dieser Situation gewesen, die eigene Vorsitzende mit einem stabilen Vertrauensbeweis für die unmittelbare Zukunft auszustatten – und die Frage einer allfälligen Kanzlerkandidatur dann zu klären, wenn tatsächlich die nächsten Wahlen bevorstehen. Auf dem Papier ist das erst im Herbst 2024 der Fall, obwohl natürlich Neuwahlen immer eine Möglichkeit sind, mit der zu rechnen ist.

Doch für eine erstaunlich starke Minderheit in der SPÖ ist Pragmatismus im Umgang mit der eigenen Vorsitzenden keine Option. Auch das kann man unter der Kategorie "ehrlich" ablegen, es sei denn, man findet, dass es dazu auch den Mut offener Kritik am Parteitag selbst brauche. Aber das firmiert unter Geschmacksfragen, schließlich sind die Zweifel an Rendi-Wagner kein Parteigeheimnis, sondern ein Fixelement der innenpolitischen Berichterstattung.

Die SPÖ hat also eine Chance verpasst, ihre schwelende Führungsfrage zumindest auf Zeit zu klären. Wer aus den roten Reihen für den Fall der Fälle als Alternative zu Sebastian Kurz in den Ring um die Kanzlerschaft steigen wird, ist heute offener denn je. Die Frage wird die Partei bei jeder Weggabelung verlässlich begleiten.

Früher oder später muss sie darauf auch eine Antwort geben. Und es wäre ratsam, die Führungsgremien der SPÖ überlegen sich einen Prozess, wie diese Frage entschieden werden soll. Das wäre pragmatisch. Wahrscheinlich ist allerdings, dass die Partei in diese Entscheidung genauso hineinstolpert wie in diesen Parteitag.